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Ausgerechnet ein Festival, das sich „Glücksgefühle“ auf die Fahnen schreibt, hat sich wenige Tage vor dem Start eine Debatte über Meinungsfreiheit, Kunst und politische Haltung eingebrockt. Alphaville sollten am Freitag auf dem Hockenheimring auftreten. Dann wurden sie ausgeladen, weil Sänger Marian Gold sich nicht verpflichten wollte, auf politische Aussagen zu verzichten. Nach massiver Kritik ruderte Veranstalter Markus Krampe zurück und lud die Band erneut ein.
Alphaville lehnen diese Wiedereinladung nun ab. Und angesichts der Vorgeschichte ist diese Entscheidung nachvollziehbar, und ordentlich haarige Eier in der Hose.
Der Kern der Auseinandersetzung ist dabei wichtiger als ein ausgefallenes Konzert von „Forever Young“ oder „Big in Japan“. Es geht um die Frage, ob ein Künstler auf einer Festivalbühne sagen darf, dass er Demokratie, Toleranz und Freiheit verteidigt und Rechtsextremismus ablehnt. Für uns ist die Antwort darauf ziemlich eindeutig: Natürlich darf er. Und gerade in Zeiten, in denen rechte Hetze wieder erschreckend selbstverständlich durch Kommentarspalten, soziale Netzwerke und politische Debatten wabert, ist Schweigen keine zwingende Voraussetzung für „Good Vibes“.
Wie es zur Ausladung von Alphaville kam
Der Konflikt begann nicht erst in dieser Woche. Nach Angaben der Veranstalter weiteren Berichten hatte Alphaville bereits bei zwei vorherigen Veranstaltungen aus dem Umfeld des Veranstalters gespielt. Bei einem dieser Auftritte äußerte Marian Gold sich politisch. Bei einem weiteren Konzert sei im Vorfeld vereinbart worden, politische Statements zu unterlassen – daran habe sich die Band gehalten.
Gold hatte sich in der Vergangenheit mehrfach gegen rechtsextreme Entwicklungen und für demokratische Werte positioniert. Bei einem Auftritt im Juli in Hamburg sprach er sich nach Angaben des SWR unter anderem ausdrücklich gegen die AfD aus. Für den geplanten Auftritt beim Glücksgefühle Festival wurde das Thema erneut zum Streitpunkt. Eine Einigung darüber, dass Alphaville politische Äußerungen vollständig unterlassen würden, kam offenbar nicht zustande.
Am Mittwoch, 2. September 2026, zog der Veranstalter schließlich die Reißleine und sagte das für Freitag vorgesehene Konzert ab.
Alphaville machten die Entscheidung anschließend selbst öffentlich. In einer Stellungnahme zitierte Marian Gold aus dem Absageschreiben. Darin hieß es, dass auf der Bühne keine politischen Themen oder Äußerungen „jeglicher Art“ geduldet würden. Die Band bezeichnete dies als einen „Maulkorberlass“ und erklärte, weiterhin für Freiheit, Toleranz und Demokratie einzutreten.
Das Glücksgefühle Festival verteidigte die Entscheidung zunächst. Veranstalter Markus Krampe erklärte gegenüber dem SWR, das Festival solle die Menschen glücklich machen und er sei ein Gegner politischer Statements auf Festivalbühnen. Politik könne nach dem Wochenende wieder stattfinden.
Das klingt auf den ersten Blick vielleicht wunderbar neutral. Bei genauerem Hinsehen wird es schwieriger.
Gegen Rechtsextremismus zu sein, ist keine störende Randnotiz
Natürlich darf ein privater Veranstalter Regeln für seine Veranstaltung aufstellen. Und genauso selbstverständlich darf man ein Festival besuchen, weil man drei Tage lang Musik hören, Bier trinken und den Alltag möglichst weit wegschieben möchte. Nur verschwindet die Welt draußen dadurch nicht.
Wenn ein Künstler auf einer Bühne sagt, dass Rechtsextremismus scheiße ist, Menschen unabhängig von Herkunft oder Lebensweise respektiert werden sollten und eine demokratische Gesellschaft verteidigenswert ist, wird aus einem Popfestival nicht automatisch ein Parteitag.
Man darf übrigens auch widersprechen. Das gehört zur Meinungsfreiheit genauso dazu.
An dieser Stelle lohnt sich eine juristische Präzisierung: Eine allgemeine „Redefreiheit“ steht unter diesem Begriff nicht im Grundgesetz. Artikel 5 GG schützt das Recht, die eigene Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Zudem garantiert Artikel 5 Absatz 3 die Kunstfreiheit. Diese Rechte sind allerdings nicht grenzenlos.
Ebenso wichtig: Das Grundgesetz bindet in erster Linie staatliches Handeln. Ein privater Festivalveranstalter, der einem Künstler Vorgaben für einen Auftritt macht, begeht deshalb nicht automatisch einen Verfassungsverstoß. Trotzdem wäre es ziemlich absurd, deshalb so zu tun, als hätten Meinungs- und Kunstfreiheit außerhalb staatlicher Gebäude keinerlei gesellschaftliche Bedeutung. Sie gehören zu den Grundlagen einer offenen Demokratie. Dass Künstler diese Freiheiten nutzen, ist kein Betriebsunfall.
Und ja: Meinungsfreiheit schützt selbstverständlich auch Ansichten, die wir selbst für falsch, unangenehm oder ausgesprochen bescheuert halten. Sie bedeutet jedoch weder einen Anspruch auf widerspruchsfreie Zustimmung noch darauf, dass jede Äußerung überall unwidersprochen bleiben muss.
Dann kam der Protest
Die Ausladung blieb nicht lange eine interne Festivalentscheidung. Campino stellte sich öffentlich hinter Alphaville. Einen ziemlich deutlichen Kommentar lieferte er gleich mit: Am Mittwochabend holte der Frontmann der Toten Hosen Marian Gold beim Konzert der Band in Münster auf die Bühne.
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Auch aus dem eigentlichen Glücksgefühle-Line-up kam Kritik.
Mateo von Culcha Candela, die selbst beim Festival auftreten, bezeichnete es als äußerst fragwürdig, jemanden auszuladen, weil er sich beispielsweise gegen die AfD positioniere. Culcha Candela stehen weiterhin im offiziellen Line-up des Festivals.
Ein weiteres Beispiel ist Marteria. Auch er tritt beim Glücksgefühle Festival 2026 auf und hat sich öffentlich klar gegen Rechtsextremismus und die AfD positioniert. Zuletzt erklärte der Rostocker Rapper, er habe „tatsächlich keinen Bock“ darauf, dass die AfD eine Landesregierung stelle.
Genau hier bekommt die ursprüngliche Begründung des Festivals einen kleinen Riss.
Wer Künstler wie Marteria oder Culcha Candela bucht, kann schwer überrascht sein, dass Popkultur gelegentlich Haltung besitzt. Musik entsteht schließlich nicht in einem politisch vakuumverpackten Reinraum.
Donnerstag: Glücksgefühle rudert zurück
Nur einen Tag später folgte die Kehrtwende.
Am 3. September bezeichnete Markus Krampe die Ausladung öffentlich als Fehler. Er entschuldigte sich und erklärte nun selbst, Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, das geschützt werden müsse. Alphaville wurden wieder eingeladen und sollten wie ursprünglich geplant auftreten. Das war die richtige Entscheidung. Nur kam sie zu spät.
Am Donnerstagabend erklärte Marian Gold, dass Alphaville die Entschuldigung und Wiedereinladung zur Kenntnis nähmen. Gleichzeitig hätten die vorausgegangenen Äußerungen eine Atmosphäre geschaffen, in der die Band von einem Auftritt absehe.
Damit war endgültig klar: Alphaville werden beim Glücksgefühle Festival 2026 nicht spielen. Die vereinbarte Gage will die Band nach eigenen Angaben an eine gemeinnützige Organisation spenden. Eine ziemlich elegante Art, einen Schlussstrich zu ziehen.
Unsere Meinung: Neutralität darf keine Ausrede für Wegsehen sein
Dass ein Festival nicht zur permanenten politischen Podiumsdiskussion werden möchte, können wir nachvollziehen. Ein generelles Verbot politischer Aussagen ist trotzdem der falsche Weg. Vor allem dann, wenn der konkrete Anlass offenbar Aussagen gegen Rechtsextremismus und für demokratische Grundwerte waren. Zwischen einem Wahlaufruf für Partei X und der Aussage „Wir stehen für Demokratie, Freiheit und Toleranz“ gibt es einen Unterschied.
Man muss Marian Gold dabei nicht in jedem Satz zustimmen. In einem Interview nach der Kontroverse fand er sehr deutliche Worte zur AfD und zur politischen Lage in Deutschland. Auch solche Aussagen dürfen selbstverständlich kritisiert werden.
Aber genau darum geht es.
Er darf sie sagen.
Andere dürfen ihm widersprechen.
So funktioniert eine offene Gesellschaft. Nicht dadurch, dass man kontroverse Themen vorsorglich von der Bühne wischt, damit anschließend alle möglichst konfliktfrei „Good Vibes Only“ auf ein LED-Display schreiben können. Ein Festival darf unpolitisch sein wollen. Menschen und Kunst sind es deshalb noch lange nicht.
Und Rechtsextremismus ist für uns auch keine niedliche Meinung, die man aus Gründen einer vermeintlich perfekten Ausgewogenheit neben Toleranz und Demokratie stellen müsste. Menschenfeindlichkeit, Rassismus und rechte Hetze bekommen bei Techkrams keinen wohltemperierten Kuschelplatz in der Mitte.
Klare Kante gegen rechts ist kein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Eine funktionierende Meinungsfreiheit ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, diese Kante öffentlich zeigen zu können.
Und bevor jetzt der rechte Mob in den Kommentaren aufschlägt …
Ja, dieser Artikel hat eine Haltung. Techkrams ist gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Ohne Sternchen, ohne Fußnote und ohne „aber man muss auch beide Seiten hören“, wenn es darum geht, ob Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Lebensweise weniger wert sein sollen.
Wir sind für Demokratie. Wir sind für Meinungsfreiheit. Wir sind für Kunstfreiheit. Und wir finden es gut, wenn Künstler ihre Reichweite nutzen, um diese Werte zu verteidigen. Damit sind wir vermutlich nach Definition der üblichen Kommentarspalten ohnehin linksversifft. Können wir mit leben.
Das Schöne an derselben Freiheit, auf die wir uns hier berufen: Niemand muss Techkrams lesen. Wer unsere Haltung unerträglich findet, kann den Tab schließen und unsere Seite künftig einfach nicht mehr aufrufen.
Das ist vollkommen in Ordnung. Was wir allerdings nicht machen werden, ist aus Angst vor einem rechten Mob unsere Überzeugung hinter „Good Vibes Only“ zu verstecken.
Nazis scheiße zu finden ist und bleibt für uns ziemlich guter Vibe.
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Torsten "Pixelaffe" Schmitt
Geboren 1976 im schönen Schwetzingen und nicht weggekommen. Ich habe somit den Aufstieg des Internet miterlebt und beruflich auch vorangetrieben. Hier schreibe ich über all die Technologien die mir auf meiner Reise durch das "Neuland" auffallen.
