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Special: Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart 2022

Stuttgart wieder zurück im Festivalrausch

Am Sonntag ging das diesjährig wieder als vor Ort zurückgekehrte Internationale Trickfilm-Festival (ITFS) mit gewohnt feiner Preisverleihung in der Schwabenmetropole Stuttgart zu Ende. Welchen hybriden Spirit es mit seinen vielfältigen Angeboten ausstrahlte und wer genau die glücklichen Preisträger des vergoldeten Einhorn als Trophäe sind – lest ihr hier.

Vom Regen in die Traufe. Erst blockierte zwei lange Jahre eine weltweite Pandemie gesellige Kinoerlebnisse im Kollektiv und dieses Jahr verregnete es gar einigen Zuschauer:innen die Rückkehr zum Open-Air Spaß. Doch spätestens am Wochenende lockten warme Temperaturen bei sonnigem Wetter wieder einen Großteil auf den Stuttgarter Schlossplatz zum gemeinsamen Genuss mehrerer preisgekrönter Animationsfilme wie Disney’s „Encanto„, „Rot“ oder der französische handgezeichnete Trickfilm „Das Rennen von Belleville„, was idealerweise ohne viel Dialog eine herzerwärmende Geschichte inszenierte. Das ITFS 2022 bestach durch seinen konsequenten Weg zur fernen, aber durchaus noch bekannten Normalität früherer Jahre. In täglichen Reihen wie dem fünfteiligen „Internationalen Wettbewerb“ gaben sich weltweit verstreute Animator:innen aus nahezu allen Bereichen den Zeichenstift in die Hand. Ob per eingereichter Abschlussarbeit frisch von der Filmakademie oder mit größerem Studio wie das herrliche derbe Werk des Briten Matthew Lohn mit „Sprite Fright“ – angelehnt an typische Slasher-Horrorfilme der 80er Jahre durchstreift eine Gruppe von rübelhaften Teenagern einen Wald und treffen auf niedliche Pilzgestalten, die sich später als Naturgewalt entpuppen. Technisch sehr ausgereift, erinnerte humorisitisch an Seth Rogen’s „Sausage Party“ aber dennoch erging der tragikkomische Krebs-Kampf „Bis zum letzten Tropfen“ von Simon Schellmann als einer der Sieger hervor. In simplen aber wirkungsvollen Zeichnungen kämpft ein Infusionsständer um das Leben eines Krebspatienten.

Durch den bedauerlichen Wegfall, weil fehlende Subventionen während des siebenmonatigen Lockdowns, des Kinos „Metropol“ fand eine spürbare Umverteilung jeglicher Vorstellungen statt. So musste die parallel laufende FMX – eine Veranstaltung des Animationsinstituts der Filmakademie – ins „Haus der Wirtschaft“ während die Wettbewerbsreihen wie „Young Animation“ oder Präsentationen verschiedener Art im Gloria bestehend aus zwei Sälen stattfanden. Im Programmschwerpunkt liefen dort sechzehn Kurzfilm, allesamt animiert und jeden Genres. Der Nominierte „In seiner Gnade“ fiel anhand seines politischen Backgrounds besonders auf, denn Regisseur, Produzent sowie alleiniger Animator Christoph Büttner formte in knapp dreieinhalb Jahren Produktionszeit ein düsteres Drama um Drang nach Freiheit gegen Widerstände und die (Ohn)macht des Geistes in ständiger Angst. Gar minimalistisch sind als Stil nur deutliche Striche wie Halbmonde in Schwarz-Weiß zu erkennen, die jedoch dank guter Inszenierung eine besondere Mechanik offenbart, die kaum mit anderen zu vergleichen ist. Der französische Kurzfilm “The Immoral“ konnte die Jury des „Lotte-Reiniger-Preis“ dennoch mehr überzeugen. Da bekanntlich Bilder mehr als Worte sagen, verlinken wir gerne eine Vorschau.

Wie es sich für ein mehrtägiges Festival gehört, darf Abwechslung nicht fehlen. In den Kinos und den unterschiedlichen Veranstaltungsorten waren ca. 20.000 Zuschauer:innen. Nach wetterbedingtem verhaltenem Anfang wurden durch das starke Wochenende noch fast 25.000 Zuschauer:innen erreicht, die ein fröhliches und friedliches Fest der Animationskultur feierten. Neben kostenlosem Open-Air Programm ab 15 Uhr, lockten auch Workshops für kleine Stop-Motion Bastler in das Jugendhaus Mitte. Diesjährig etwas vom Schuss weg war die 2019 gestartete Gamezone weitergeführt, wenn auch deutlich kleiner als damals. Statt neben dem Schlossplatz im Kunstgebäude ansässig, mussten die Veranstalter ausweichen. Doch die ausgestellten Game-Experiences von umliegenden Hochschulen als fertige Demos waren aber jeden Weg wert. Vom grafisch beeindruckend ausgestalteten 3D-Puzzle in begehbaren Levels über Horrorspiele aus der Ego-Perspektive in modrigen Krankenhäusern bis hin zum kleinen Versuch eines Mobile-Game á la „Plants vs. Zombies“. Obwohl regnerisches Wetter Trotz merklichem Eifer des Teams wünschte man sich als Besucher sie noch größer und digital vielfältiger. VR-Enthuisasten durften sogar per autarker Oculus Quest 2 den Schlossplatz informativ erkunden, selbst auf andere echte Personen treffen bzw. kommunizieren. Quasi ein Ausblick auf Zuckerberg’s geplantes Metaverse. Als populärer Treffpunkt entwickelte sich der emulierte Spielautomat – SNES-Titel von „Donkey Kong“ und „Super Mario“ luden ebenfalls, dank zweitem Joystick, wie „NBA Live ’96“ gleich Jung und Alt an den Automaten.

Im neu geschaffenen Spielort Programmkino „Delphi“ am Rotebühlplatz fanden größtenteils höchst interessante „In Persona“-Events statt – so konnte Experimentator und Innovator des Stop Motion Films Daniel Höpfner in aller Ausführlichkeit sämtliche Hintergründe seiner Werke thematisieren. Im englischsprachigen Q&A bekamen Zuschauer:innen die Möglichkeit selbst Fragen zu stellen. Österreich war diesjähriges Partnerland des Festivals und so hörte man nicht selten den bekannten Wiener Schmäh während Studiopräsentationen im Kino „Cinema“ der Schmieden „LWZ Design & Animation“ sowie „Arx Anima“ welche für einen kommenden österreichischen Science-Fiction Film alle VFX-Effekte übernahmen. Erstere arbeiten meist mit visuellen Entgleisungen für PR. Generell veranschaulichte das Festival in vielen Belangen einen großen Horizont zum Thema Animation. Weil es eben nicht nur DEN Film oder DAS Spiel mit derlei Technik existiert.

Mit das Herzstück des Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart 2022 waren die amüsanten „In Persona“-Programmpunkte, in denen sich Zeichner:innen wie Steven Appleby, Regina Pessoa oder Marion Rasche nicht bloß in Prosa sondern per Leinwand ihre bekanntesten Werke in Bild oder Ton präsentieren konnten. Der eigene Werdegang wurde meist kurz abgehandelt, wenn nicht das Publikum nach bestimmten Ereignissen oder ganz beliebt Praktikas erfragten. Fast schon sinnbildlich für die Corona-Krise behandelten ungewöhnlich viele Filme den Themenkomplex Sexualität und Verlust – wöhrend der israelische „Black Slide“ den Verlust der Mutter durch eine gruselige Wasserrutschfahrt symbolisierten, attackierte eine religiöse Fanatikerin in „To Kill The Birds & The Sees“ jedes Fitzelchen an sexuellem Kontext in ihrer Welt. Oftmals mit schwarzem Humor gespickt überzeugten viele Ideen anhand ihrer Darstellung während „Fury“ beispielsweise die Grenzen von Gewalt ausloteten. Passenderweise gewann der italienisch-punkige Trickfilm „Underwater Love“ den „Young Animation“-Award. Sämtliche Events begleiteten übrigens gut informierte ITFS-Moderator:innen.

Überzeugte die Atmosphäre ohne Unterlass. Filme gemeinsam erleben. Spontan mit Regisseuren ins stundenlange Plaudern kommen. Die gut besuchte Stadt als Treffpunkt nutzen. Zusammengefasst luden die Veranstalter des hybriden 29. Trickfilm-Festivals in Stuttgart nach viel zu langer Auszeit endlich wieder zum problemlosen kollektiven Rudelgucken ein, die sich mit Anspruch und Unterhaltung gleichermaßen die Waage hielten und durch seine Vielzahl an Programmpunkten wie spaßigen Workshops oder auch populären Kultnächten ausgenommen jeden Alters öffneten – ohne den Fokus zu verlieren. Auf die Animation – bis 2023!

Hier findest du unsere aktuellen Filmkritiken.

Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Facebook. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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