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Ein neues E-Bike kostet schnell mehrere Tausend Euro. Dabei steht vielleicht längst ein gutes Fahrrad im Keller, dem eigentlich nur etwas elektrische Unterstützung fehlt. Genau hier setzt der Spiny 2 an. Der kompakte Nachrüstmotor soll aus einem gewöhnlichen Fahrrad innerhalb weniger Sekunden ein E-Bike machen. Ohne aufwendigen Umbau, ohne neues Laufrad und vor allem ohne dauerhaft montierten Motor.
Das Konzept stammt vom spanischen Unternehmen Spiny EV Solutions, das bereits Erfahrungen mit einer ersten Generation gesammelt hat. Die zweite Version soll leichter zu montieren sein, mehr Reichweite bieten und mit einer größeren Auswahl an Fahrrädern funktionieren. Finanziert wird das Ganze aktuell über Kickstarter. Der Hersteller verspricht bis zu 90 Kilometer Reichweite, fünf Unterstützungsstufen und ein Gesamtgewicht von gerade einmal 2,2 Kilogramm. Klingt nach einer ziemlich praktischen Lösung für alle, die ihrem alten Drahtesel etwas elektrische Nachhilfe verpassen möchten.
Drei Sekunden zum E-Bike?
Das auffälligste Merkmal des Spiny 2 ist seine Konstruktion. Statt einen Elektromotor in die Radnabe oder an die Tretkurbel zu schrauben, nutzt das System einen sogenannten Reibradantrieb. Eine motorisierte Rolle wird gegen den Hinterreifen gedrückt und überträgt ihre Kraft direkt auf das Rad. Sobald du in die Pedale trittst, unterstützt dich der Motor. Hörst du auf zu treten, wird der Kontakt zum Reifen wieder gelöst.
Der eigentliche Clou ist die abnehmbare Einheit aus Motor und Akku. Nach der erstmaligen Montage der Halterung und Sensoren soll sich das komplette System innerhalb von drei Sekunden anbringen oder entfernen lassen. Wer morgens mit elektrischer Unterstützung zur Arbeit fahren und am Wochenende lieber selbst strampeln möchte, kann den Antrieb einfach abnehmen.
Anders als bei vielen vergleichbaren Lösungen sitzt der Motor relativ tief am Fahrradrahmen. Dadurch könnte der Platz oberhalb des Hinterrads für einen Gepäckträger erhalten bleiben. Bei Schutzblechen sieht es allerdings schwieriger aus. Je nach Fahrrad können Anpassungen notwendig sein. Vollgefederte Fahrräder sind laut Hersteller nicht kompatibel.
250 Watt für Europa, 750 Watt für die USA
Technisch hat der kleine Kasten einiges zu bieten. Spiny nennt eine maximale Leistung von 750 Watt, allerdings gilt dieser Spitzenwert für die amerikanische Variante. Für den europäischen Markt ist eine Version mit 250 Watt Nennleistung und Unterstützung bis 25 km/h vorgesehen. Damit orientiert sich das System an den üblichen Vorgaben für Pedelecs.
Das maximale Drehmoment gibt der Hersteller mit 35 Nm an. Die Unterstützung lässt sich in fünf Stufen einstellen. Zwei Sensoren überwachen Geschwindigkeit und Trittfrequenz, damit der Motor nur dann eingreift, wenn tatsächlich pedaliert wird. Ob die europäische Ausführung sämtliche rechtlichen Anforderungen für den deutschen Straßenverkehr erfüllt, muss allerdings noch abschließend geklärt werden. Die Energie liefert ein integrierter 266-Wh-Akku, der laut Hersteller für bis zu 90 Kilometer Unterstützung reichen soll. Diese Angabe gilt allerdings unter idealen Bedingungen. Wer regelmäßig Steigungen bewältigt, mit hoher Unterstützung fährt oder etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt, dürfte deutlich früher wieder laden müssen. Eine vollständige Ladung über USB-C soll ungefähr vier Stunden dauern. Ein zusätzlicher Wechselakku ist optional erhältlich.
Der Reifen könnte zum Problem werden
So clever das Konzept auf den ersten Blick erscheint, ganz ohne Nachteile funktioniert ein Reibradantrieb nicht. Schließlich wird die Kraft direkt über den Fahrradreifen übertragen. Das bedeutet zusätzliche mechanische Belastung und möglicherweise einen höheren Reifenverschleiß. Wie stark dieser tatsächlich ausfällt, lässt sich ohne einen längeren Praxistest kaum beurteilen.
Noch interessanter wird es bei schlechtem Wetter. Wasser, Schmutz oder Schnee können die Kraftübertragung zwischen Antriebsrolle und Reifen beeinträchtigen. Spiny verspricht zwar eine spezielle Konstruktion, die auch bei schwierigen Bedingungen zuverlässig funktionieren soll, unabhängige Langzeiterfahrungen mit dem neuen Modell fehlen bislang jedoch.
Für Gelegenheitsfahrer und Pendler könnte der Spiny 2 trotzdem interessant sein. Besonders dann, wenn bereits ein hochwertiges Fahrrad vorhanden ist und ein komplett neues E-Bike wirtschaftlich wenig Sinn ergibt. Wer dagegen täglich längere Strecken bei jedem Wetter zurücklegt, dürfte mit einem klassischen Pedelec-Antrieb besser bedient sein.
Preis und Verfügbarkeit: Kickstarter statt Fahrradladen
Der Spiny 2 wird derzeit über Kickstarter finanziert. Der zuletzt genannte Einstiegspreis liegt bei 314 Euro zuzüglich Versandkosten. Für den Versand nach Deutschland werden ungefähr 40 Euro genannt. Damit landet das System bei rund 350 Euro, sofern die entsprechende Unterstützerstufe noch verfügbar ist.
Die Crowdfunding-Kampagne soll am 9. November 2026 enden. Erste Auslieferungen sind für April 2027 vorgesehen. Einen regulären Verkaufspreis für Deutschland gibt es bislang nicht.
Bei aller Begeisterung für solche Bastellösungen sollte man eines nicht vergessen: Kickstarter ist kein gewöhnlicher Onlineshop. Wer das Projekt unterstützt, finanziert die Entwicklung beziehungsweise Produktion und kauft kein garantiert lieferbares Produkt. Verzögerungen sind möglich, im schlimmsten Fall bleibt die Lieferung vollständig aus.
