007 First Light durchgespielt – Ein Bond, der Ihrer Majestät alle Ehre macht
Wird IO Interactive der Agenten-Ikone gerecht?
Mit James Bond ist es wie mit einem maßgeschneiderten Anzug. Er muss sitzen. Nicht zu eng, nicht zu locker, aber mit genügend Eigenständigkeit, um in Erinnerung zu bleiben. Nach Jahren der Ungewissheit und zahllosen Spekulationen darüber, wie ein modernes Bond-Spiel aussehen könnte, liefert IO Interactive nun seine Antwort. Und die fällt selbstbewusster aus als man zunächst glaubt. Unsere große Review zu „007 First Light“
Es dauerte knapp drei Stunden. Nach drei Stunden setzt James Bond zum Schuss an. Als Spieler:in denkt man sich klar – wir haben alle Zeit der Welt – besonders wenn der Titel enorm stark unterhält und doch lässt sich Hitman-Studio IO Interactive sehr viel Zeit bis zur ersten Schießerei. „007 First Light“ erzählt nicht die Geschichte eines fertigen Superagenten. Stattdessen beginnt alles deutlich früher. Bond ist jung, talentiert, leicht arrogant und überzeugt davon, dass Regeln vor allem für andere gelten. Genau dieser Ansatz macht die Handlung so interessant. Statt eines unangreifbaren Geheimagenten steht hier jemand im Mittelpunkt, der sich seinen Platz innerhalb des Doppelnull-Programms erst verdienen muss.
Die Parallelen zum cineastischen Neustart „Casino Royale“ von 2006 sind unverkennbar. Wie einst Daniel Craig setzt auch „First Light“ auf einen Bond, der Fehler macht, Risiken eingeht und mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen leben muss. Nach einem spektakulären Einstieg in Form einer Rettungsmission, bei der er mehrere Wissenschaftler aus einer aussichtslosen Situation befreit, landet er im Ausbildungsprogramm des MI6. Dort beginnt eine über weite Strecken hervorragend inszenierte Origin-Story. Besonders bemerkenswert ist das mehr als einstündige Tutorial. Statt trockener Erklärungen oder eingeblendeter Menüs verpackt IO Interactive sämtliche Grundlagen in eine cineastische Erzählung. Ausbildung, Prüfungen, erste Einsätze und persönliche Begegnungen gehen nahtlos ineinander über. Das Tempo hätte etwas flotter ausfallen können und dennoch – im Kontext der Bond-Filme passt dieser Aufbau hervorragend. Diese (noch) ungeschliffene Figur erhält Raum zur Entwicklung, bevor die eigentliche Handlung beginnt.
Patrick Gibson verleiht dem jungen Agenten dabei eine erstaunlich eigenständige Persönlichkeit. Elemente verschiedener Filminkarnationen sind zwar erkennbar. Hier ein wenig von Daniel Craigs körperlicher Härte, dort Roger Moores Charme, Timothy Daltons Kaltschnäuzigkeit oder Sean Connerys klassische Spionageaura – Gibson formt seine eigene Interpretation des berühmtesten Geheimagenten der Welt.
Auch die Nebenfiguren überzeugen. M, Moneypenny, Q und Greenway gehören selbstverständlich zum bekannten Ensemble und erfüllen weit mehr als bloße Fanservice-Aufgaben. Gerade die Dynamik zwischen Bond und seinen Vorgesetzten sorgt immer wieder für gelungene Dialoge. Humor spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Lockere Sprüche, trockene Kommentare und gelegentliche Spitzen erinnern vor allem an die Filme der Achtziger- und Neunzigerjahre mit Roger Moore, Timothy Dalton und Pierce Brosnan. Schon nach wenigen Stunden wird deutlich, wie viel Herzblut IO Interactive in dieses Projekt investiert hat. Das Studio arbeitete seit 2021 rund fünf Jahre an dem Spiel und nutzt dabei konsequent die Erfahrungen aus ihrer Hitman-Reihe.
Das zeigt sich vor allem im Missionsdesign. „007 First Light“ ist kein Shooter. Wer denkt, sich wie John Wick oder Rambo durch Gegnerhorden zu ballern, wird schnell eines Besseren belehrt. Bond bleibt ein Geheimagent. Finstere Erinnerungen an die Activision-Werke mit der 007-Lizenz zeigen wie furchtbar schlecht sowas wird. Schusswaffen stellen meist die letzte Option dar. Und nur mit der erteilten „Lizenz zum Töten“ darf Bond überhaupt erst tödliche Gewalt anwenden was bestens Buchautor Ian Fleming in seinen zugrundliegenden Büchern stets beschrieb.
Diesen Gedanken unterstreicht das Spieldesign konsequent. Bond trägt maximal zwei Waffen gleichzeitig, von denen eine stets seine ikonische Pistole ist. Munition knapp. Oft stehen nur wenige Magazine zur Verfügung. Dauerfeuer ist keine Lösung. Stattdessen motiviert das Spiel dazu, Situationen auszukundschaften, Gegner zu umgehen oder alternative Wege zu finden.
An diesem Punkt kommt der Hitman-Einfluss besonders deutlich zum Vorschein. In einem luxuriösen Hotel in der Slowakei belauscht Bond also gezielt Gespräche, sammelt Hinweise und verfolgt sich erstaunlich schnell umziehende Verdächtige durch weitläufige Korridore. Mehrfach fühlte ich mich dabei an Agent 47 erinnert. Selbst die Geschwindigkeit, mit der einige Zielpersonen plötzlich ihre Outfits wechseln, wirkt fast wie ein augenzwinkernder Verweis auf IOIs bekannteste Reihe. Stealth gehört daher zu den wichtigsten Säulen des Gameplays. Kameras lassen sich umgehen, Wachen ablenken oder ganze Sicherheitsbereiche infiltrieren. Die Level bieten regelmäßig mehrere Lösungsansätze und belohnen kreative Vorgehensweisen.
Neben den Schleichpassagen wartet ein umfangreiches Arsenal klassischer Bond-Gadgets. Besonders häufig kommt die Hightech-Uhr aus dem Q-Labor zum Einsatz. Mit ihr scannt Bond seine Umgebung, analysiert Hinweise und aktiviert Spezialfunktionen wie Schlafpfeile – herrlich altmodisch. Ergänzt wird das durch Hacker-Werkzeuge, elektronische Hilfsmittel und weitere Spielereien die Rätsel vereinfachen. Die benötigten Verbrauchsgegenstände etwa Batterien oder Chemikalien finden sich großzügig in den Missionen. Dadurch entsteht kein Frust. Stattdessen animiert das Spiel dazu, mit den verschiedenen Möglichkeiten zu experimentieren. Wir hätten uns jedoch eine Schnellspeicher-Funktion wie in der Hitman-Reihe gewünscht um mehr experimentieren zu können.
Weniger eindeutig fällt das Urteil beim Nahkampfsystem aus. Obwohl mit Tom Marcham, ehemaliger Combat-Designer der Batman-Arkham-Spiele, erfahrene Unterstützung an Bord war, erreicht das Kampfsystem nicht ganz den Flow seines Vorbilds. Die Faustkämpfe machen Spaß und bieten zahlreiche Aktionen in der Umgebung. Bond schleudert Gegner gegen Tische, Vitrinen oder Wände, wirft herumliegende Gegenstände als improvisierte Waffen und reagiert dynamisch auf seine Umgebung.
Der gewünschte Rhythmus stellt sich jedoch nicht immer ein. Die Animationen wirken stellenweise etwas schwerfällig. Gerade im Vergleich zu den Arkham-Spielen oder aktuellen Actiongrößen fehlt manchmal der letzte geschmeidige Flow. Trotzdem bleiben die Auseinandersetzungen unterhaltsam, weil sie hervorragend inszeniert sind und Bond erfreulich brutal sowie effizient agieren lassen.
Deutlich stärker präsentiert sich der klassische Actionanteil. Hier orientiert sich IO Interactive unverkennbar an Naughty Dogs Uncharted-Reihe. Verfolgungsjagden, einstürzende Vorsprünge in den riskanten Kletterpassagen und spektakuläre Strecken wechseln sich regelmäßig mit ruhigeren Erkundungsabschnitten ab. Die Inspiration ist offensichtlich, was nicht schlecht ist. Gerade die Mischung aus Hitman, Uncharted und klassischer Bond-DNA funktioniert erstaunlich gut. Schleichpassagen gehen fließend in Actionsequenzen über, bevor wieder Erkundung oder Storytelling im Vordergrund stehen.
Diese gebotene Abwechslung trägt die rund 22-stündige Kampagne nahezu durchgehend. Die Schauplätze leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Luxushotels, Trainingsanlagen, Geheimdienstzentralen, Märkte, Dächer großer Städte und versteckte Forschungseinrichtungen wechseln sich regelmäßig ab. Jeder Ort besitzt einen eigenen Charakter. Die Umgebungen wirken glaubwürdig genutzt statt künstlich aufgebaut. Zumal die eingesetzte Glacier-Engine, bekannt aus der Hitman-Reihe, hier tolle Panoramen und schöne fotorealistische Details schafft. Nur die bekannten Bugs wie Clipping, störische Steuerung und teils lange Ladezeiten mindern den Spielspaß.
Technisch hinterlässt das Spiel ebenfalls einen hervorragenden Eindruck. Ladezeiten bleiben erfreulich kurz. Animationen, Beleuchtung und Materialdarstellung bewegen sich auf hohem Niveau. Vor allem die Detailverliebtheit beeindruckt. Zahlreiche Räume enthalten kleine Geschichten, versteckte Gags oder optionale Interaktionen. Ein Paradebeispiel dafür ist das Labor von MI6-Tüftler Q. Bond-Fans können dort problemlos deutlich mehr Zeit verbringen als nötig. Knöpfe drücken, Gadgets ausprobieren oder einfach die vielen Anspielungen entdecken. Selten wirkte ein Bond-Hauptquartier derart lebendig, wirklich lobenswert!
Beeindruckend bleibt dabei die konstante Atmosphäre. Während meines Tests hielt mich eine Phase über sieben Stunden nahezu ohne Pause vor dem Bildschirm. Nicht wegen eines Cliffhangers oder künstlicher Progressionssysteme, sondern weil die Handlung mit Twists arbeitet und Missionen ständig neue Ideen liefern.
- Begib dich auf Missionen an atemberaubenden Schauplätzen, fahre Fahrzeuge mit Kultstatus und erlebe ein filmreifes Abenteuer
- Kämpfe mit Fäusten oder Patronen, nutze Gadgets, um in feindliches Territorium einzudringen, oder führe die Wachen hinters Licht
- Stell deine Fähigkeiten auf die Probe und spiele deine Lieblingsmissionen mehrmals mit zusätzlichen Modifikatoren - für grenzenloses Spionagevergnügen
Einen erheblichen Anteil daran hat auch die Musik. Bereits der Titelsong von Lana Del Rey setzt den Ton perfekt. Die anschließende musikalische Begleitung bewegt sich sicher zwischen klassischer Bond-Tradition und moderner Interpretation. Immer wieder tauchen vertraute Melodien auf – plumpe Zitate. Kenner hören sofort Anklänge an „Casino Royale“, „Quantum Trost“, „Skyfall“, „GoldenEye“ oder sogar „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“. Die Komponisten setzen diese Elemente jedoch gezielt und sparsam ein. Wenn das ikonische Bond-Thema schließlich erklingt, fühlt es sich enorm befriedigend an.
Überhaupt beweist IO Interactive ein erstaunlich gutes Gespür für Timing. Viele Szenen erinnern tatsächlich an richtigen hochwertigen Kinofilm ohne Einschnitte. Kameraarbeit, Dialoge und Inszenierung greifen sauber ineinander. Natürlich finden sich zahlreiche Bond-Zutaten wieder. Internationale Verschwörungen, exzentrische Gegenspieler und gefährliche Verfolgungsjagden gehören schließlich dazu. Gleichzeitig besitzt die Geschichte den Mut, eigene Wege einzuschlagen. Bond wird nicht nur als cooler Agent dargestellt, sondern auch als Mensch mit Schwächen, Zweifeln und Fehlentscheidungen. Genau dadurch gewinnt die Figur an Profil.
Unser Fazit zu „007 First Light“
Ich gebe es gerne zu, ich war doch skeptisch. Als 2021 per Teaser bekannt wurde, dass ausgerechnet die Hitman-Macher an einem neuen storybasierten Bond-Abenteuer arbeiten. Das leicht klobige Verhalten eines kahlen Agent 47 ist doch nicht mit James Bond zu vereinbaren! Zumal Shooter-Anteile des Profikillers alles aber nicht cineastisch waren – doch mit der gamescom-Präsentation auf der gamescom im letzten Jahr verlor ich diese Skepsis. Hier funktioniert sehr viel. Am Ende gelingt IO Interactive etwas, woran viel zu viele Lizenzspiele – nicht nur in der Vergangenheit – scheitern. „007 First Light“ fühlt sich wie eine echte Neuinterpretation an. Das Studio versteht die Vorlage und wandelt sie leidenschaftlich um. Dabei entsteht eine eigenständige Version des berühmten Geheimagenten, die sowohl langjährige Fans als auch Neueinsteiger direkt abholt.
Das Kampfsystem erreicht nicht immer die Klasse seiner offensichtlichen Vorbilder und der ruhigere Einstieg dürfte nicht jedem gefallen. Dem gegenüber stehen eine starke Geschichte, hervorragende Schauplätze, clevere Missionen, eine beeindruckende Präsentation und ein junger Bond, der sich seinen Platz innerhalb der Reihe überraschend schnell verdient. IO Interactive liefert damit nicht nur eines der besten Bond-Spiele seit Jahrzehnten ab – auch eines der stärksten Action-Adventures der letzten Jahre. Ich war nicht geschüttelt sondern gerührt – vor allem durchgehend bestens unterhalten.
Release: 27. Mai 2026 | Entwickler: IO Interactive | Genre: Action-Adventure | Für PlayStation 5, Xbox Series S/X und PC (Switch 2-Version kommend) | USK: ab 16
007 First Light (PlayStation 5)
Spielspaß - 94%
Gameplay - 83%
Grafik - 91%
Technik - 86%
89%
Ausgezeichnet!
"007 First Light" gelingt als moderne Neuinterpretation von James Bond mit starker Story, abwechslungsreichen Missionen und viel Gespür für die Vorlage. Kleine Schwächen ändern nichts daran, dass IO Interactive eines der besten Bond-Spiele der vergangenen Dekaden abliefert.
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