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Gothic Remake im Test – Warum die Rückkehr in die Kolonie fasziniert und wieder nervt

Raues Rollenspiel-Comeback mit alter Seele

Mit „Gothic 1 Remake“ kehrt eines dieser Rollenspiele zurück, bei denen schon der Name eine bestimmte Erwartung auslöst. Nicht einfach Fantasy, nicht einfach Open World, nicht einfach Held rettet Königreich. Piranha Bytes’ Original von 2001 stand für ruppige Dialoge, soziale Kälte, harsche Progression und eine Spielwelt, die weniger auf Komfort als auf Glaubwürdigkeit setzte. Alkimia Interactive, das aus THQ Nordic Barcelona hervorging und nach dem spielbaren Teaser von 2019 sowie umfangreichem Community-Feedback eine vollwertige Neuauflage entwickelte, musste deshalb mehr leisten als nur neue Texturen über einen alten Kultklassiker ziehen. „Gothic“ lebt nicht von Nostalgie allein. Es lebt vom Vibe, am Anfang wirklich niemand zu sein. Nicht mal der Dreck unter den Nägeln der Dorf-Vollpfosten. Unsere Review zum „Gothic Remake“.

Genau dieses nostalgisch anmutende Gefühl trifft das Remake recht stimmig. Unser namenloser Held wird buchstäblich in die Minenkolonie geworfen, ein Gefangenenlager im Tal der Minen, das durch eine magische Barriere von der Außenwelt abgeschnitten ist. Wer hineinkommt, bleibt drin. Der König von Myrtana braucht das magische Erz aus den Minen für den Krieg gegen die Orks, doch innerhalb der Kuppel haben längst die Gefangenen das Kommando übernommen. Aus dieser Ausgangslage baut das Spiel eine raue, erstaunlich funktionale Gesellschaft, in der Macht nicht erklärt, sondern vorgeführt wird. Der erste Auftrag klingt simpel: Ein Brief soll zu den Feuermagiern gebracht werden. Nur steht zwischen diesem Botengang und seinem Ziel eine Welt, die einem Neuling kaum etwas gönnt.

Das Remake hält sich eng an die bekannte Grundstruktur. Drei Lager prägen den Einstieg und geben der Kolonie ihre soziale Form. Das Alte Lager funktioniert hierarchisch, hart und opportunistisch. Das Neue Lager wirkt rebellischer, aber keineswegs automatisch sympathischer. Das Sumpflager wiederum lebt von religiösem Wahn, Naturverbundenheit und Stimmung, die sich irgendwo zwischen Kommune und Sekte erstreckt. Der Beitritt zu einem dieser Lager bleibt eine der wichtigsten Entscheidungen, weil er nicht nur Quests öffnet, sondern auch den eigenen Platz in dieser gesetzten Gesellschaft definiert. „Gothic“ macht daraus keinen Auswahlbildschirm mit Fraktionslogos. Man läuft herum, redet mit Leuten, erledigt Drecksarbeit, bekommt Prügel, lernt Namen und begreift langsam, wer hier wen ausnutzt.

Diese organische Struktur gehört zu den größten Stärken der Neuauflage. Die Kolonie wirkt dichter, glaubwürdiger und deutlich stärker ausformuliert als früher. Alkimia hat neue Figuren, zusätzliche Aufgaben, erweiterte Gebiete und mehr Alltagsverhalten eingebaut, ohne den Charakter des Originals glattzubügeln. Bewohner arbeiten, schlafen, trinken, streiten, bedrohen einen oder ignorieren den Helden schlicht – sie leben sprichwörtlich in dieser Welt! Hintergrunddialoge klingen erdig, oft misstrauisch, manchmal dreist, selten poliert. Gerade dadurch entsteht wieder dieses spezielle Gothic-Gefühl: Man betritt keinen kostümierten Freizeit, sondern einen Ort, an dem sich alle schon arrangiert haben.

Harte erste Spielstunden

Spielerisch bleibt „Gothic 1 Remake“ bewusst widerspenstig. Heute selbstverständliche Questmarker fehlen, ein Kompass führt nicht zuverlässig zum nächsten Goodies – manche Dialogoption kann übrigens tödliche Folgen haben, wenn man den falschen Ton gegenüber der falschen Person anschlägt. Das ist konsequent. Wer moderne Rollenspiele gewohnt ist, in denen jeder Auftrag sauber im oberen linken Interface verpackt wird, kann in den ersten Stunden ziemlich hart aufschlagen. Das Questlog wurde zwar verbessert und ist deutlich lesbarer als früher, trotzdem verlangt das Spiel Aufmerksamkeit. Namen, Wege, Hinweise und soziale Zusammenhänge müssen behalten werden. Es kann frustrieren, weil besonders Neulinge nicht immer sinnvoll an Spielwelt und Systeme herangeführt werden. Für ein Remake, das auch neue Spieler:innen erreichen soll wenn nicht gar MUSS, bleibt diese Härte ein zweischneidiger Buddlerhacken.

Der Fortschritt folgt ebenfalls klassischer Gothic-Logik. Der Held wird nicht einfach stärker, weil ein Balken vollgelaufen ist. Lernpunkte bringen erst dann etwas, wenn man jemanden findet, der einem den entsprechenden Umgang mit Waffen, Magie oder Fertigkeiten beibringt. Diese „Lehrerstruktur“ ist altmodisch, aber insofern passend, weil sie Fortschritt in die Spielwelt einbettet. Besser kämpfen zu können fühlt sich nicht wie ein Menü-Upgrade an, sondern wie ein kleiner sozialer Aufstieg. Anfangs hält der Held ein Schwert, als hätte ihm jemand versehentlich ein schweres Küchenmesser in die Hand gedrückt. Schläge kommen langsam, Ausweichbewegungen brauchen Timing – selbst harmlose Gegner können nach maximal zwei Treffern den Bildschirm abdunkeln. Nach einigen Stunden, besserer Ausrüstung und Training kippt dieses Verhältnis spürbar. Nicht sofort. Nicht geschenkt. Darin liegt der Reiz.

Das Kampfsystem wurde sichtbar überarbeitet: Lock-on, Ausdauer, Blocken, Ausweichen, verschiedene Angriffswinkel, Fernkampf und Magie ergeben auf dem Papier ein moderneres Fundament als das Original. Nahkämpfe haben Gewicht, Treffer tun sichtbar weh, Fehler werden hart bestraft. Gleichzeitig fehlt die Reaktionsfreude aktueller Action-RPGs. Gerade bei mehreren Gegnern kann das System sperrig werden, weil Kamera, Zielerfassung und Animationen nicht immer so sauber zusammenspielen, wie sie müssten. Wer richtig klassische Rollenspiele sucht, könnte darüber schmunzeln und sagen: Ja, genau so unangenehm soll diese Kolonie sein. Ganz falsch ist das nicht.

Dafür überzeugt das Remake beim Erkunden umso stärker. Neue Klettermöglichkeiten verändern die Bewegung durch die Welt, ohne „Gothic“ plötzlich in ein Akrobatikspiel zu verwandeln. Besseres Zielen hilft im Fernkampf, das Inventar ist deutlich moderner, Handel und Questverwaltung laufen komfortabler, und die zusätzlichen Animationen lassen viele alltägliche Abläufe weniger steif wirken. Das sind sinnvolle Eingriffe, weil sie nicht den Kern ersetzen, sondern Reibung dort reduzieren, wo sie früher eher aus Bedienung als aus Design entstand. Auch die neuen Quests fügen sich meist sauber ein. Besonders gelungen sind Aufgaben, die alte Figuren stärker einbinden oder Bereiche der Kolonie nutzen, die im Original eher angedeutet wirkten.

„Volles Pfund auf’s Maul!“

Atmosphärisch gehört „Gothic 1 Remake“ zu den stärkeren Rollenspielveröffentlichungen der letzten Zeit. Wälder, Lager, Minenschächte und düstere Ruinen profitieren stark von Lichtstimmung, dichterer Vegetation und einem generell glaubwürdigeren Weltenbau. Die im Inneren tuckernde Unreal Engine 5 ist nicht immer makellos frei von störenden Bugs, aber oft sehr stimmungsvoll. Besonders in den Minen, wenn Fackeln nur kleine Lichtinseln in den Fels schneiden, findet das Remake gute Momente, die zur rauen Welt passt. Manche Texturen und Gesichtsanimationen fallen dagegen stark ab. Gesichter wirken bisweilen älter als die Umgebung, und nicht jede Figur trägt die neue grafische Wucht mit gleicher Überzeugung. Man bewegt sich zwar nicht in „Starfield“-Gefilden, aber ist auch nicht weit weg davon. Das Gesamtbild bleibt ordentlich bis stark, doch eine durchgehend aktuelle Hochglanzproduktion isses nicht.

Technisch zeigt sich ebenfalls ein gemischtes Bild. Auf leistungsfähiger Hardware kann das Remake sehr eindrucksvoll aussehen, erkauft sich die dichte Darstellung aber mit spürbarem Hunger nach technischen Ressourcen. In Waldgebieten und in Kämpfen mit mehreren Gegnern sinkt die Performance gelegentlich, sackt glatt runter auf unter 30fps. Auf Konsole wiegt schwerer, dass die Darstellung nicht immer so flüssig wirkt, wie man es sich von einer modernen Neuauflage wünschen würde. Pop-ins bei Schatten und Texturen fallen immer wieder auf, zumal das Clipping in Räumen ebenfalls nervig ist. Unspielbar wird „Gothic“ dadurch nicht. Aber polierter hätte diese Rückkehr schon sein dürfen.

Angebot
Gothic 1 Remake - PlayStation 5
  • Kehre in diesem Remake des beliebten und revolutionären Spiels Gothic von 2001 in die Kolonie zurück. Entdecke erneut die Welt des Minentals von Khorinis, ihre Geheimnisse und Herausforderungen
  • Spielt als der namenlose Held – Ringt mit dem Schicksal eines lebenslangen Gefangenen, der in einer Welt voller wilder Tiere, Kreaturen und Sträflinge mit schlimmem Ruf überleben muss
  • Originalgetreues vollständiges Remake von Gothic 1

Die Musik ist dagegen ein klarer Gewinn. Kai Rosenkranz, der bereits die Klangwelt der ursprünglichen Gothic-Spiele entscheidend geprägt hat, trifft auch im Remake den richtigen Ton zwischen Wiedererkennung und neuer Fassung. Bekannte Motive blitzen auf, neue Stücke fügen sich organisch ein – jedes Gebiet bekommt musikalisch eine eigene Farbe. Das ist nicht bloß Fanservice. Die Musik trägt wesentlich dazu bei, dass die Kolonie wieder nach einem Ort klingt, an den man sich nach Jahren erinnert. Die deutsche Lokalisierung gelingt weitgehend, auch wenn der namenlose Held etwas von jenem trockenen Sarkasmus eingebüßt hat, der im Original zur Figur gehörte. Schade, denn gerade dieser süffisante Tonfall war Teil der alten DNA.

Spannend bleibt, wie sehr das Remake auch als Nachruf auf eine bestimmte deutsche Rollenspieltradition funktioniert. Piranha Bytes stand einst für „Gothic“, später für das gothic-artige „Risen“ und zuletzt für die „Elex“-Reihe, dessen zweiter Teil 2022 erschien. 2024 schloss das traditionsreiche Studio endgültig seine Pforten. Währenddessen arbeitete Alkimia längst an der Neuauflage eines Spiels, das den Ruf von Piranha Bytes überhaupt erst begründet hatte. Daraus entsteht eine eigentümliche Spannung: „Gothic 1 Remake“ stammt nicht mehr von den ursprünglichen Schöpfern, wirkt aber in seinen besten Momenten, als hätte jemand sehr genau verstanden, warum dieses Abenteuer nie nur aus Quests, Schwertern und Erzbrocken bestand.

Unser Fazit zum „Gothic Remake“

Unter uns: „Gothic 1 Remake“ ist kein rundgeschliffenes Wohlfühl-RPG und will auch keines sein. Es stolpert und knarzt an Stellen, an denen moderne Spiele längst den roten Teppich ausrollen. Manche dieser Kanten machen seinen Charakter aus, andere sind schlicht unnötig. Die Orientierung kann Neulinge überfordern, das Kampfsystem bleibt trotz Überarbeitung zu hölzern und die Technik ist teilweise eine Frechheit. Gleichzeitig gelingt Alkimia Interactive etwas, das bei Remakes seltener ist, als Publisher gern behaupten: Die Neuauflage serviert uns nicht nur die Handlung, sondern den sozialen Druck, die Machtlosigkeit zu Beginn und die schmutzige Faszination der Kolonie. Wer Geduld mitbringt, bekommt ein faszinierendes Rollenspiel, das stärker über Welt, Konsequenzen und Atmosphäre funktioniert als spielerischer Komfort. Es wirft einen hinein, tritt einem unverhohlen dreckig gegen’s Schienbein und wartet feixend ab, ob man wieder aufsteht. Sehr Gothic also.

Release: 05. Juni 2026 | Entwickler: Alkamia Interactive | Genre: Rollenspiel | Für PlayStation 5, Xbox Series S/X und PC | USK: ab 16

Gothic Remake (PlayStation 5)

Spielspaß - 72%
Gameplay - 64%
Grafik - 67%
Technik - 58%

65%

Passabel!

„Gothic 1 Remake“ ist technisch rau und spielerisch sperrig, fängt aber die dreckige Atmosphäre der Kolonie stark ein. Nicht bequem, aber ein charakterstarkes Remake.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Instagram. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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