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Filmkritik zu The Batman – Der Abstieg in Gotham’s Hölle

Matt Reeves entfesselt mit „The Batman“ einen leidgeprüften innerlich gänzlich zerrissenen Antihelden. Zwischen nassem Asphalt und roher Gewalt wird Gotham City in blutrote Bilder getaucht was den zugrunde liegenden Kriminalfall rund um den psychopathischen Riddler fast schon in üble „SAW“-Gefilde führt. Besonders in jeglicher Hinsicht. Unsere Filmkritik zum Comic-Reboot.

Neuausrichtung der Ideen

Anders als Hauptkonkurrent Marvel geht DC endlich den anderen Weg. Anstatt im Vier-Monatstakt mal mehr oder weniger gelungene Superhelden-Streifen in Hochglanz über die Leinwände dieses Planeten zu flimmern, konzentriert man sich zuerst auf den eigentlichen Film anstatt mögliche Fortsetzungen dazu. So durfte „Hangover“-Regisseur Todd Philipps seinen altmodisch, dreckigen Arthouse-Reißer „Joker“ verwirklichen und James Gunn ordentlich mit „The Suicide Squad“ auf sämtliche Haufen hauen. Nachdem Ben Affleck krankheitsbedingt den eigenen Solofilm rund um den Verbrecher prügelnden Fledermausmann absagen, engagierte Warner mit Matt Reeves einen deutlich anderen Typus von Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion. Dank Inszenierung der letzten beiden „Planet der Affen“-Filmen in filmischer Düsternis bewandert, zeichnet er mit „The Batman“ den wohl größten Meilenstein seiner Karriere ab. Für die titelgebende Figur ist es indessen die vierte filmische Neuorientierung, welche sich am ehesten noch mit Christopher Nolan’s hervorragender „The Dark Knight“-Trilogie vergleichen lässt. Denn Reeves offenbart im Zusammenspiel mit dem jetzt endgültig aus „Twilight“-Sphären entwachsenen Robert Pattinson keinen Lebensfreude ausstrahlenden Sonnyboy der Upper Class wie es Michael Keaton tat sondern eine zutiefst zerrissene Seele mit erschreckender Anzahl von Selbstmonologen.

Die Handlung von „The Batman“ umfasst die Tage an Halloween. Anstatt klebrigen Süßigkeiten verteilt ein psychopatischer Serienkiller an Tatorten jedoch kitschige Grußkarten mit ebenso fragwürdigen Rätseln. Wie Onkel Manfred nachts im Keller tappt die Polizei von Gotham im Dunkeln. Deshalb ruft James Gordon (Jeffrey Wright) den dunklen Rächer dazu, um seine detektivischen Fähigkeiten einzusetzen. Doch Batman (Robert Pattinson) plagen häufig arge Selbstzweifel um seine Verantwortung gegenüber einer seelenlos harten Großstadt deren Dichte an Verbrechen trotz nächtlicher Einsätze kaum zu sinken scheint. Zu allem Überfluss kommt ihm bei Ermittlungen die undurchsichtige Selena Kyle (Zoe Kravitz) dazwischen, die selbst ganz eigene Interessen in der Unterwelt verfolgt. Für Bruce Wayne beginnt ein Spiel auf Leben und Tod. Eine dicke Scheibe Film Noir schüttet Reeves über die Neuinterpreation. Es gibt kaum Tagszenen – was die durchgängige bedrückende Atmosphäre nochmals verstärkt. Regen peitscht auf Dächer, während Wayne per Motorrad ins gotisch angehauchte familieneigene Manor braust um sich durch jedes aufgenommene Detail anhand der hochentwickelten Kameralinse zu wühlen. Hinweise. Kurze Begegnungen. Lauert womöglich im Gewühl der Sinn seines Schaffens? Während Nolan intelligente, aber zweckmäßige Blockbuster-Action bot, wählen die Drehbuchautoren den Weg der klassischen Detektivgeschichte.

Mit faszinierender Ruhe lässt man Bilder gerne einige Sekunde lang stehen, verfällt aber zum Glück nicht in die poetische Lethargie eines Villeneuve’schen Exkurs sondern fängt per choreografisch brachialen Fights die angesetzte Stille öfters ab. Bei einer Sitzfleisch-fordernden Laufzeit von 177 Minuten sowie dem Stempel des „Superhelden-Films“, was er aber nicht ist, sind Zugeständnisse ans Genre nötig. Die dargebotene Action ist handgemacht. Heißt: So gut wie kein CGI. Explodiert Auto im infernalischen Feuer, tut es das auch. Im letzten Drittel des Films inszeniert Reeves eine Verfolgungsjagd gegen den unkenntlich geschminkten Colin Farrell als „Oswald Cobblepot“ mit derart flammender Brillanz auch im Sinne der guten Tonabmischung. Komponist Michael Giacchino kredenzt sein Main Theme als ausladende Ouvertüre mit Anleihen an Bach, Hans Zimmer und selbst Nirvana mit dem manisch-labilen Song „Something In The Way“ wird derart fein in cineastische Momente eingewoben, um anhand von Pattinson’s Blicken wortlos deutliche Akzente zu markieren. Hochgerechnet spricht er nämlich nicht mehr als 25 Sätze innerhalb der 1. Stunde. Dazu gehört auch sein erster Auftritt samt Kampf, in dem „Ich bin die Vergeltung!“ fällt. Lobend zu erwähnen ist zudem die Kamera. Teilweise darf man besondere Einstellungen bewundern, wie einem auf dem Kopf zukommenden Batman vor brennenden Wracks bei rabenschwarzer Nacht. Bleibt noch Tage in Gedanken.

Es geht um Rache, Wut, Unentschlossenheit, Angst zu versagen sowie ungekannte Gefühle für Mitmenschen. Das Publikum trifft in knapp drei Stunden auf einen Batman, der nicht ganz frisch auf nächtliche Patrouille geht aber zu jung für Erzfeinde ist. Catwoman in Form von Zoé Kravitz ist aufgrund ihrer Physis bestens für diese Rolle geeignet. Zwischen ihr und Pattinson stimmt glücklicherweise die emotionale Chemie. Der Score von Michael Giacchino unterstreicht mit seiner anstrengenden, jedoch düsteren Note den seelischen Zustand seiner Hauptfigur oder gleich der gesamten Stadt. Zu kritisieren gilt neben der spürbaren Low-Phase ab Mitte die lange Laufzeit. Nein, der durchaus komplizierte Kriminalfall rechtfertigt es auch nicht – 30 Minuten weniger, dafür auf den Punkt. Aus dem Rahmen fällt leider Andy Serkis als jüngerer Butler Alfred, hier fehlt jene Wärme von Michael Caine. Obwohl „The Batman“ ab 12 Jahren freigegeben ist, bieten insbesondere Tötungsweisen mancher Opfer genügend Material um Kindern schlaflose Nächte zu bereiten. Nichtsdestotrotz gehört die neueste Verfilmung des Stoffes zum klaren Must-See des angebrochenen Jahres.

The Batman. USA 2022. Regie: Matt Reeves. Mit Robert Pattinson, Zoé Kravitz, Jeffrey Wright. 177 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren.

Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Ja.

Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „The Batman“ gibt es hier.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Facebook. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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