jazzopen 2026: Moby elektrisiert zum Festivalfinale den Schlossplatz
Verträumte Melodien und ekstatischer Rave in Stuttgart
Ein Sonntag, der sich eher wie Hochsommer-Höhepunkt anfühlt als wie entspannter Ausklang. jazzopen-Chef Jürgen Schlensog muss gleiche mehrere Steine im Brett bei Petrus haben: Schon wieder über 30 Grad, schon wieder kaum ein Wölkchen am Himmel, dafür umso mehr kühle Drinks für den Festival-Abschluss mit dem seit Jahrzehnten erfolgreichen Elektroklang-Künstler Moby samt Support Act Art School Girlfriend – unsere Eindrücke vom Konzertabend.
Den Anfang an diesem sonnigen Vorabend am finalen Festivaltag macht Art School Girlfriend, hinter der die Waliserin Polly Mackey steht. Interessant: Sie steht komplett allein auf der Bühne auf sich gestellt. Dunkelblau offenes Hemd, darunter ein schlichtes Tanktop, Sonnenbrille, schulterlange Haare, die ihr immer wieder ins Gesicht wehen. Kein großes Setup, stattdessen Loop-Station, Gitarre über der Schulter und ein sehr reduzierter Ansatz. Das macht viel aus – gerade weil diesjährig die gefühlte Durchschnittsmenge an Musiker:innen bei Auftritten bei rund sechs lag.
Es ist ihr erstes Konzert in Stuttgart, sagt sie und da ist etwas dran. Die Ansagen sind vorsichtig, fast schüchtern, aber nie unsicher. Sie bedankt sich nach jedem Song, sucht trotz ihrer blickdichten Sonnenbrille so manchen Kontakt zu ihrer Zuhörerschaft. Musikalisch bewegt sich das Set zwischen elektronischem Indie-Pop und sphärischen Klangflächen, die sich langsam aufbauen. Immer wieder dreht sie an den Reglern, schichtet clever Sounds übereinander, zieht einzelne Elemente wieder raus um sie durch andere zu ersetzen. Einiges erinnert hier an die verträumten Songs von „Mazzy Star“.
Indie-Electropop aus der Loopstation
„Bending Back“ ist einer ihrer früheren Songs, der hier deutlich weiterentwickelt wirkt. Die Gitarre setzt sie sparsam ein, eher punktuell. Viel wichtiger ist die Gesetztee Atmosphäre. Im Hintergrund laufen leicht verschwommene Videoaufnahmen von Bergen und Städten – welche laut eingeblendetem Text alle zur gleichen Uhrzeit am selben Tag im Jahr 2021 aufgenommen wurden. Das Publikum rückt langsam näher zusammen, wird dichter, aufmerksamer. Gerade in den ruhigeren Passagen entfaltet ihre Musik eine Atmosphäre irgendwo zwischen Indie und Soundtrack für einen Indie-Horrorfilm. Gleichzeitig streut sie immer wieder beatlastigere Stücke ein, die klar Richtung Main Act zeigen. Das Publikum würdigt dies mit begeistertem Applaus.
Dann wird es deutlich vorfreudiger. Zum letzten Mal in diesem Jahr gegen Viertel Neun wird ein Main Act den Stuttgarter Schlossplatz zum Kochen bringen. Zunächst stellt sich seine vierköpfige Band auf. Moby kommt schnellen Schrittes zur Bühne – lässig die Gitarre umgehängt. Meine Smartwatch vibriert und meldet 90 Dezibel – es ist also nicht leise. „Bodyrock“ setzt sofort ein klares Zeichen. Der Innenhof mit den darin enthaltenen rund 7.000 Zuschauer:innen ist nun richtig aufgeputscht. Das Bühnenbild bleibt funktional: mehrere LED-Flächen sind rechteckig bis quardratisch angeordnet, zeigen zur laufenden Musik passende Visuals. Im Mittelpunkt steht die Band – und Moby selbst, der sich kaum eine Sekunde Ruhe gönnt. Er läuft von rechts nach links, trommelt bei „Go“ mit, greift immer wieder zur Gitarre, steht zwischendurch am Mischpult und mixt kurzerhand selbst.
Die Struktur seines Sets ist bewusst offen gehalten. Instrumentale Passagen wechseln sich mit Songs ab, bei denen seine Sängerin die Vocals übernimmt. Moby selbst hält sich gesanglich zurück, wirkt dafür umso präsenter in der Bewegung. „In This World“ sorgt für die erste größere Euphorie, das Publikum geht geschlossen mit. Zwischen den Songs spricht er direkt mit dem anwesenden Publikum. Er wundert sich hörbar, auf einem Jazzfestival zu spielen, schiebt aber gleich die Erklärung nach: Seine erste musikalischen Schritte waren damals auf einer Jazzgitarre – also gibt’s doch eine Verbindung!
Mit einem „Heroes“-Cover wird es plötzlich bedächtiger. Moby nennt den Song den „bestgeschriebenen aller Zeiten“, verweist auf David Bowie und dessen prägende Berliner Phase. Die Umsetzung ist bewusst reduziert. Geige und Cello ergänzen die Band, Moby begleitet auf der Gitarre. Ein klarer Bruch zum vorherigen Tempo. Danach zieht das Set wieder an. „We Are All Made of Stars“ bringt er den elektronischen Pop zurück, bevor eine Videobotschaft von Jane Goodall eingespielt wird. Thema: Fleischkonsum, Industrialisierung. Ein politischer Einschub, der auf Konzerten des seit über dreißig Jahren als Veganer lebenden Moby klar erwartbar ist, aber nicht als störender Aktionismus auffällt.
„Why Does My Heart Feel So Bad“ darf getrost als großer Herzschmerz-Moment des Abends bezeichnet werden, diese Nummer hat auch 25 Jahre nach Erscheinen nichts von seiner Wirkung verloren. Sogar mit Geigen-Solo zeigt sich auch viel Wirkung. Kurz darauf geht es mit „Raining Again“ wieder nach vorne, sogar leicht mit Brit-Pop angehaucht. Spätestens „Disco Lies“ bringt dann wieder das 90er-Clubgefühl zurück auf den Schlossplatz. Schnelle Beats, harte Übergänge, die Menge zieht mit.
Moby’s Ritt durch die Musikgenres
Interessant wird es im Mittelteil, sobald sich Set sich stilistisch verschiebt. Der Gassenhauer „Flower“ bekommt ein deutlich härteres Gitarrensolo und mutiert deswegen fast schon zum Südstaaten-Rock. „Find My Baby“ knüpft folgerichtig daran an. Für Momente entfernt sich das Konzert spürbar vom gewohnten Electro-Sound und bewegt sich Richtung schmissiger Blues-Rock. Funktioniert erstaunlich gut, auch weil die Band samt Interpret das sauber trägt.
Die, aus den Agententhrillern mit Matt Damon bekannte, Hymne „Extreme Ways“ kommt als schneller Remix daher, deutlich aggressiver als im Original. Im Grunde so als würde Hauptfigur Jason Bourne gegen John Wick in einem Berliner Technoclub kämpfen. Man merkt, wie sehr Moby hier mit Tempo spielt. „Natural Blues“ gehört dann wieder zu den erwartbaren Highlights, begleitet von einer zunehmend intensiven Lichtshow, die den Innenhof visuell ausleuchtet.
Nach dem regulären Set ist jedoch noch nicht Schluss. Das Publikum fordert mehr und kriegt es auch. Moby eilt zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten und bittet dann augenzwinkernd um Handylichter – oder alternativ darum, einfach weiter „Angry Birds“ zu spielen. Solche Sätze passen zu seinem Auftreten: locker und selbstironisch. Ein politischer Kommentar folgt trotzdem noch. Eine klare Ansage gegen den amtierenden US-Präsident Donald Trump, verbunden mit einer fast entschuldigenden Haltung. Damit sind ihm final jegliche Herzen in Stuttgart an diesem Abend sicher.
„Lift Me Up“ entwickelt sich dank gut ausgespielten Gitarrenriffs zur Rockhymne, bevor mit „Feeling So Real“ der Schlusspunkt gesetzt wird. Ein wuchtiger, klassischer Techno-Abgang, der noch einmal alles bündelt, wofür Moby seit den frühen 90ern steht – inklusive Verweisen auf seine Zeit bei den ersten Ausgaben der Loveparade und Mayday samt Liebeserklärung an die Deutsche Techno Szene. Gegen kurz vor halb Elf folgt der Schlussakkord. Ein Festivalabend, der stilistisch breiter ist, als man es zunächst erwarten konnte. Die jazzopen Stuttgart liefern damit am Sonntag einen starken Abschluss ohne Kompromisse ab.
Die nächsten jazzopen Stuttgart finden vom 30. Juni – 11. Juli 2027 statt.
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