Junge Männer auf einem unerbitterlichen Pfad in den Tod: „The Long Walk“ ist ein in sepiafarben-getauchter Dialogfilm, der dank Vorlage von Autorenikone Stephen King, keine belanglosen Situationen in den Vordergrund rückt sondern durch seine kompromisslose Darstellung von Gewalt sowie Parallelen in unsere Realität eine der intensivsten Kinoerfahrungen der letzten Jahre darstellt. Unsere Kritik zu „The Long Walk – Todesmarsch“.
Mit „Todesmarsch“ erschien 1979 ein Stephen King-Roman unter seinem Pseudonym „Richard Bachmann“. Das Buch gilt heutzutage als wahrer Klassiker des mehrheitlich für Horrorgeschichten bekannten Autoren aus Amerika. Lange galt der Stoff als unverfilmbar, zu kleinteilig seien die geschilderten Erlebnisse von Protagonist Raymond Garraty und seine inneren Monologe kaum filmisch zu erfassen. Zombie-Vater Geroge A. Romero arbeitete in den Achtizigern an einem Konzept – ohne Erfolg. „The Green Mile“-Verfilmer Frank Durabont versuchte Anfang der Nullerjahre sein Glück. Bis es mit Francis Lawrence, bekannt für ebenfalls düstere Stoffe wie „Constantine“ oder die „Tribute von Panem“-Reihe, schließlich konkret wurde. Gerade die letztgenannte Reihe steht gar exemplarisch für den Stil, der auch in „The Long Walk“ zum Tragen kommt. Eine Gruppe junger Menschen wird in eine tödliche Situation geschmissen, ohne große Chance auf Erfolg. Todesmarsch ist jedoch viel kompromissloser und zeigt, dass der größte Horror vom Mensch ausgeht.
Steigen wir in die dystopische Handlung ein: Nach einem verheerenden Krieg werden die Vereinigten Staaten von einem autoritären Militärregime kontrolliert und befinden sich immer noch in einer finanziellen Notlage und Rekonstruktionsphase. Um die Motivation innerhalb der Bevölkerung zu steigern, wird jedes Jahr ein „Langer Marsch“ unter Aufsicht des „Major“ (Mark Hamill) mit 100 Jugendlichen veranstaltet. Unterschreiten die Teilnehmer die Mindestgeschwindigkeit von drei Meilen pro Stunde, werden sie nach drei Warnungen erschossen. Pausen sind nicht erlaubt. Gesammelte Warnungen werden nach einer Stunde Gehen abgezogen. Dem Sieger winkt neben einem Leben in Luxus auch die Erfüllung eines beliebigen Wunsches. Lawrence kommt schnell zur Sache: Nach zehn Minuten läuft die Gruppe. Genauso wie King im Buch fokussiert sich der Film auf eine kleinere Gruppe um Raymond (Cooper Hoffman) und seinen Freund Peter McVries (David Jonsson). Beide werden schnell Freunde. Dazu gesellen sich noch einige Nebenfiguren, die Handlung selbst erleben wir als mitlaufende Zeugen. Dies sorgt für Dynamik, obwohl gerade in der 1. Hälfte nur Dialog herrscht. Umso härter trifft es uns Publikum, wenn einer der Teilnehmer nach drei Warnung kaltblütig erschossen wird. Jeder Schuss in „The Long Walk“ geht durch Mark und Bein.
Hoffman und Cooper geben mit ihrer liebevoll, fairen Art miteinander umzugehen den hart anzuschauenden Geschehnisse um sie herum genügend Seele um den Zuschauer nicht als Voyeur herabzusetzen. Die inszenierten Tötungen zu Beginn sind von einer dermaßen harten Intensität, dass selbst hartgesottene Cineasten hier zusammenzucken werden. Die unterschiedlichen Charaktere, die wir mehr oder weniger kennenlernen, verbleiben auch nach dem Kinogang im Kopf. So verkörpert Arthur Baker (Tut Nyuot) durch seine christliche Lebensweise mitunter die moralische Instanz während Gary Barkovitch (Charlie Plummer) die unsäglich-bodenlose Arschgeige vom Dienst gibt. Hinsichtlich der literarischen Genauigkeit kann man dem Film zweifellos ankreiden auf gewisse Themen wie sexuelle Hintergründe verzichtet oder ganze Figuren weggelassen zulassen – dennoch funktionert der Film. Dennoch überzeugt besonders Raymonds Mutter Ginnie als sich sorgende, mitunter verzweifelte Figur, die die Motivation ihres Sohnes kaum nachvollziehen kann. Im Buch verbleibt dies ebenfalls im Dunkeln, während der Film eine Art Erklärung versucht.
Die rudimentäre Ausstattung, also nur eine Gruppe von jungen Erwachsenen, einen Highway ablaufen zu sehen gepaart mit emotionslosen Soldaten und einem brutalen „Major“, keine schlechte Idee. Die hoffnungslose Grundatmosphäre wird durch aufkeimenden Humor zwar kurz unterbunden, aber nur sie danach erst wieder auf den Boden der Tatsachen zu schicken. King war selbst im Projekt involviert. Durch seine Intensität schafft „The Long Walk“ ein mehr als hartes Erlebnis, das im vollen Kinosaal jeden Zuschauer thematisch packen wird. Die Laufzeit ist mit 108 Minuten jedoch einen Ticken zu lang. Diese Adaption zählt unserer Meinung nach zu den besten Stephen King-Verfilmungen der Filmgeschichte. Hart. Kompromisslos. Fordernd.
The Long Walk. USA 2025. Verleih: Lionsgate. Regie: Francis Lawrence. Mit Cooper Hoffman, Mark Hamill, David Jonsson. Genre: Horror / Drama. 108 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren.
Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Nein.
Disclaimer: Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „The Long Walk – Todesmarsch“ gibt es hier.
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