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Wearables und Tattoos: Wenn die Uhr am Handgelenk plötzlich blind wird

Smartwatches können viel. Puls messen, Schlaf bewerten, Trainingszonen ausspucken, Blutsauerstoff erfassen und am Ende auch noch so tun, als hätten sie verstanden, warum man nachts um 3 Uhr wach im Bett liegt und über alte Lebensentscheidungen nachdenkt. Nur eine Sache mögen viele Wearables nicht besonders: tätowierte Haut.

Das klingt erst einmal wie ein sehr spezielles Problem. Ist es aber nicht. Wer ein Tattoo am Handgelenk oder Unterarm trägt und dort eine Smartwatch, ein Fitnessband oder einen Tracker nutzt, kann tatsächlich falsche, schwankende oder komplett fehlende Messwerte bekommen. Besonders betroffen sind dunkle, dichte oder großflächige Tattoos. Also genau die Sorte, die optisch meistens gut aussieht.

Das Problem sitzt unter der Uhr

Die meisten Wearables messen den Puls optisch. Diese Technik nennt sich Photoplethysmographie, kurz PPG. Die Uhr oder das Band schickt dabei Licht in die Haut und misst, wie viel Licht zurückkommt. Aus den feinen Veränderungen durch den Blutfluss wird dann die Herzfrequenz berechnet.

Das funktioniert erstaunlich gut, solange zwischen Sensor und Blutgefäßen nicht zu viel dazwischenfunkt. Und genau hier kommen Tattoos ins Spiel. Tattoo-Farbe sitzt in der Haut und kann das Licht des Sensors blockieren, streuen oder verfälschen. Schwarze und sehr dunkle Pigmente sind dabei besonders nervig, weil sie Licht stark absorbieren.

Das Wearable schaut also nicht mehr sauber in die Haut, sondern in eine kleine optische Nebelwand. Und dann wird aus „Puls 132 beim Laufen“ gerne mal „Puls 74, alles entspannt“. Danke für nichts.

Das betrifft nicht nur Smartwatches

Das Problem hängt nicht an einer bestimmten Marke. Es hängt an der Messmethode. Sobald ein Gerät optisch über die Haut misst, kann tätowierte Haut stören.

Damit sind nicht nur klassische Smartwatches wie Apple Watch, Garmin, Samsung Galaxy Watch, Google Pixel Watch, Huawei Watch oder Amazfit betroffen. Auch Fitnessbänder und schmalere Tracker wie Fitbit Charge, Fitbit Inspire, Xiaomi Smart Band, Garmin vivosmart, Huawei Band, Samsung Galaxy Fit oder Amazfit Band arbeiten mit optischen Sensoren.

Das kleine Fitnessband ist also nicht automatisch aus dem Schneider, nur weil es weniger kostet oder weniger kann. Wenn es per Licht durch die Haut misst, kämpft es mit denselben physikalischen Spielchen. Klein, günstig, sportlich – aber eben nicht magisch.

Alle Hersteller kennen das Thema

Das ist kein Internet-Mythos aus irgendeinem Forum, in dem jemand seine Uhr wütend gegen die Wand geworfen hat. Hersteller weisen selbst auf das Problem hin.

Apple erklärt in seinen Support-Dokumenten, dass dauerhafte oder temporäre Veränderungen der Haut, darunter manche Tattoos, die Leistung des Herzfrequenzsensors beeinflussen können. Entscheidend seien unter anderem Tinte, Muster und Sättigung des Tattoos. Auch bei der Blutsauerstoffmessung kann das ein Problem werden.

Garmin formuliert es ähnlich deutlich. Tattoo-Tinte kann das Licht des Herzfrequenzsensors blockieren und dadurch ungenaue oder fehlende Messwerte verursachen. Garmin empfiehlt, die Uhr möglichst auf einer nicht tätowierten Hautstelle zu tragen.

Polar weist ebenfalls darauf hin, dass Tattoos unter dem Sensor vermieden werden sollten, weil sie genaue Messungen verhindern können. Bei optischen Sensoren ist das einfach der wunde Punkt: Sie brauchen Haut, Blutfluss und Licht. Wenn die Haut aussieht wie ein Slayer-Backpatch, wird es technisch halt schwieriger.

Fitbit, Google, Amazfit und Co. sind nicht immun

Bei Fitbit und der Google Pixel Watch sieht es technisch nicht anders aus. Auch diese Geräte nutzen optische Sensoren für Herzfrequenz, Schlaftracking, Trainingsauswertung und weitere Gesundheitsdaten. Gerade bei Fitbit-Trackern ist das relevant, weil viele Nutzer sie dauerhaft tragen und stark auf Schlafdaten, Ruhepuls, Aktivzonenminuten und Erholung schauen.

Google hat Fitbit inzwischen tief in die Pixel-Watch-Welt integriert. Die Hardware mag anders aussehen, aber die Messlogik bleibt ähnlich: Licht rein, Reflexion raus, Algorithmus drüber. Wenn ein dunkles Tattoo dazwischenliegt, kann der Sensor falsche oder lückenhafte Werte liefern.

Amazfit ist ebenfalls betroffen, zumindest nach demselben technischen Prinzip. Modelle wie Amazfit Balance, T-Rex, Active, Cheetah oder Band-Geräte arbeiten mit optischen Bio-Sensoren. Je nach Modell nennt Amazfit das BioTracker-Sensorik. Auch hier gilt: Der Sensor kann nur auswerten, was optisch brauchbar zurückkommt. Dunkle Tattoo-Flächen unter dem Sensor sind dafür einfach kein Geschenk.

Das gilt im Grunde für fast alle Hersteller: Xiaomi, Samsung, Huawei, Honor, Withings, Suunto, Coros, OnePlus, Oppo und viele weitere. Unterschiede gibt es bei Sensorqualität, Lichtwellenlängen, Algorithmen und Gehäusedesign. Aber die Grundphysik bleibt dieselbe. Tattoo-Farbe kann Licht blockieren. Punkt.

Was dadurch alles falsch laufen kann

Am offensichtlichsten ist die Herzfrequenz. Die Uhr zeigt dann keinen Puls an, verliert den Wert zwischendurch oder liefert völlig unrealistische Daten. Wer trainiert, merkt das schnell. Die Belastung fühlt sich an wie ein kleiner Herzinfarkt auf Raten, aber die Uhr behauptet gemütlich Zone 1. Sehr motivierend.

Betroffen sein können aber auch andere Werte. HRV, Ruhepuls, Schlaftracking, Trainingsbelastung, Erholung, Kalorienverbrauch und SpO₂ hängen direkt oder indirekt an brauchbaren Sensordaten. Wenn die Pulsmessung Mist ist, zieht sich der Fehler wie ein schlecht sitzendes Tattoo durch die komplette Auswertung.

Auch die automatische Trageerkennung kann spinnen. Manche Uhren erkennen dann nicht sauber, ob sie überhaupt am Handgelenk sitzen. Das kann dazu führen, dass sie sich sperren, keine Hintergrundmessungen starten oder Datenlücken produzieren.

Gerade bei Fitnessbändern fällt das manchmal später auf, weil sie kleiner und unauffälliger sind. Man trägt sie einfach, schaut irgendwann in die App und wundert sich über Datenlücken, komische Schlafwerte oder einen Ruhepuls, der eher nach defektem Toaster klingt als nach Mensch.

Nicht jedes Tattoo macht Probleme

Wichtig: Nicht jedes Tattoo killt automatisch jede Messung. Es kommt auf mehrere Faktoren an. Dunkle Flächen sind kritischer als helle Linien. Dichte Farbe stört eher als feine Motive. Auch Sensor, Hautkontakt, Position und Bewegung spielen eine Rolle.

Manche Nutzer haben mit tätowierter Haut keine Probleme. Andere bekommen auf einem Arm gar keine Messung, auf dem anderen aber perfekte Werte. Wieder andere müssen die Uhr oder das Band nur ein Stück höher oder leicht versetzt tragen. Das ist leider kein sauberer Ja-Nein-Schalter, sondern eher Sensor-Lotto mit Körperkunst.

Was man dagegen tun kann

Die einfachste Lösung ist brutal langweilig: Uhr oder Band auf eine nicht tätowierte Stelle setzen. Wenn ein Handgelenk frei ist, sollte das Wearable dort getragen werden. Ist der komplette Unterarm tätowiert, lohnt sich ein Test etwas weiter oben oder auf der Innenseite des Handgelenks, sofern dort weniger Farbe sitzt.

Beim Sport ist ein Brustgurt die sauberste Lösung. Der misst nicht optisch, sondern elektrisch. Damit ist ihm ziemlich egal, ob der Unterarm tätowiert ist oder aussieht wie ein Festivalplakat von 1998. Für ernsthaftes Training mit Pulszonen, Intervallen oder genauer Belastungssteuerung ist ein Brustgurt ohnehin oft die bessere Wahl.

Eine Alternative können optische Oberarm-Sensoren sein, etwa von Polar, Garmin, Wahoo oder Coros. die msiten Tracker bieten heutzutage auch größere Gurte für den Oberarm an, dann könnt ihr z.B. auch den Amazfit Helio Strap am Oberarm tragen. Die funktionieren aber nur dann besser, wenn am Oberarm eine brauchbare, nicht zu stark tätowierte Stelle vorhanden ist.

Bei manchen Nutzern hilft auch ein engerer Sitz. Aber Vorsicht: enger heißt nicht abschnüren. Der Sensor braucht stabilen Hautkontakt, aber der Blutfluss sollte nicht gleich beleidigt kündigen.

Frische Tattoos sind noch einmal ein anderes Thema

Auf ein frisches Tattoo gehört erst einmal keine Smartwatch, kein Fitnessband und auch kein Sensor, der die Stelle ständig reibt, schwitzt und andrückt. Nicht wegen der Messwerte, sondern wegen der Haut. Ein frisches Tattoo ist eine Wunde. Die sollte sauber verheilen und nicht unter einem verschwitzten Silikonband vor sich hin schmoren.

Erst wenn die Haut komplett verheilt ist, kann man testen, ob die Uhr dort sinnvoll misst. Vorher ist das einfach unnötig dumm. Und ja, das ist die technische Fachformulierung.

Was heißt das beim Kauf?

Wer tätowierte Handgelenke hat und eine Smartwatch oder ein Fitnessband kaufen will, sollte das Thema vorher ernst nehmen. Im Laden testen, wenn möglich. Gerät anlegen, Pulsmessung starten, ein paar Minuten warten, Arm bewegen, Werte prüfen. Wenn die Uhr oder das Band direkt aussteigt oder völlig absurde Zahlen zeigt, wird das später nicht magisch besser, nur weil die Verpackung schick war.

Besonders wichtig ist das bei Nutzern, die Gesundheitsfunktionen wirklich verwenden wollen. Wer nur Benachrichtigungen, Schritte und Uhrzeit braucht, kann mit kleinen Messaussetzern leben. Wer aber Puls, Schlaf, HRV und Training ernsthaft auswertet, braucht verlässliche Daten. Sonst misst man am Ende nicht den Körper, sondern die Laune des Sensors.

Tattoos machen Wearables nicht nutzlos. Aber sie können die Messung an genau der Stelle ruinieren, an der die Uhr eigentlich ihren Job machen soll. Ziemlich ironisch: Da trägt man Technik am Körper, damit sie genauer hinschaut, und dann steht ihr ausgerechnet die eigene Hautkunst im Weg.

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Torsten Schmitt (Pixelaffe)

Geboren 1976 im schönen Schwetzingen und nicht weggekommen. Ich habe somit den Aufstieg des Internet miterlebt und beruflich auch vorangetrieben. Hier schreibe ich über all die Technologien die mir auf meiner Reise durch das "Neuland" auffallen. Wenn ihr mir was für einen Kaffee oder neue Gadgets zukommen lassen wollt, könnt ihr das gerne über www.paypal.me/pixelaffe tun

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