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jazzopen 2026: Katy Perry und ihre zuckersüße Selbstironie

Mondlandung, Anrufe der Ex-Freunde und viel Showfeuerwerk!

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Eine ordentliche Portion US-Flair, fetzige Beats und eine Sängerin ohne störendes Bühnenkorsett: Der Innenhof des Neues Schloss Stuttgart wirkt an diesem sommerlich warmen Abend wie gemacht für Pop. 7.300 Menschen verteilten sich auf den Rängen und im Hof – ausverkauft war nicht nur der Cocktail-Stand kaum unweit des Eingangs. Das anwesende Publikum bekam an diesem Mittwochabend eine zuckersüß ironische Mischung aus alten Hits und einer gar neu entdeckten Leichtigkeit der Künstlerin widergespiegelt, die durch Hits wie „Hot’n’Cold“ und „California Girls“ ihre Jugendzeit definierte. Zur Unterstützung gab’s im Vorfeld norwegische Pop-Klänge von „Dagny“ – unsere Eindrücke vom Konzertabend.

Hibbelige Mädelsgruppen mit auffälligem Glitter Make-Up treffen auf Paare mit einheitlichem Shirt-Look auf denen US-Sängerin Katy Perry nicht ganz unauffällig prankt, die Konzerte auf dem Schlossplatz während den jazzopen sind jeher Outfit-technisch kaum vergleichbar. Zumal das größte Venue mit über 7.000 potenziellen Zuschauer:innen nicht nur das Beyond des Musikfestivals unterstreicht sondern auch hartgesoffenen Großacts eine, sagen wir mal, exklusive Stimmung entgegenbringt. Den Auftakt zur abendlichen Sause übernimmt die norwegische Künstlerin Dagny. Eine Stunde Support-Slot, der mehr ist als bloßes Warm-up. Blonde Haare, silberner Lidstrich, schwarzes Outfit, dazu halbtransparente Handschuhe – visuell klar auf exzentrischen Pop getrimmt, ohne unnötigen Ballast. Ihre Band: vier Musiker:innen, klassisch besetzt mit Schlagzeug, Bass, Backgroundgesang und jemand am DJ-Pult.

Katy Perry
© Opus Festival-, Veranstaltungs- und Management GmbH / Reiner Pfisterer

Musikalisch bewegt sich das Set einerseits an dem, was man aus der erweiterten Sphäre von David Guetta kennt: klare Clubbeats, darüber eine glockenleichte Stimme, die nicht im Effekt ertrinkt und bewusst entschleunigten Phasen nur mit stilsicherem Gesang samt Gitarrenunterstützung. Dagny setzt den Gesang bewusst nach vorne und lässt ihre genrewechselnden Songs atmen. Das Publikum braucht anfangs ein paar Songs, um reinzukommen. Es wandert immer mehr vom mittleren Teil des Schlossplatzes, von den stark gefragten Essensständen und Cocktail-Plätzen langsam Richtung Main Stage während so manches Gespräch noch läuft. Dagny arbeitet dagegen an, sucht offensiv Interaktion mit den Leuten, arbeitet mit Blickkontakten, geht auf die verlängerte Bühne nach vorne, animiert zum Taktklatschen. Mit Erfolg. Songs wie „Backbeat“ oder „Strawberry Dream“ funktionieren sofort. Man merkt: Insgesamt fehlt noch dieser eine große Hit, der diese Künstlerin im Mainstream weltweit nach vorne peitscht. Stilistisch erinnert das stellenweise an die Schwedin Zara Larsson (Lush Life)eingängiger Pop mit Clubkante. Dagny bleibt in ihrem Set präsent, weil sie ihren Auftritt als perfekten Klangteppich für den Main Act bündelt, der diesen Abend veredeln wird.

Kurze Umbaupause, dann übernimmt Katy Perry. Punkt 21 Uhr. Pünktlich. Muss man ihr lassen. Der Einstieg ist bewusst locker gehalten: ein humorvolles Selfie-Video zeigt die „E.T.“-Sängerin, in dem sie unter Zeitdruck gerät und der Akku schlappmacht. Shit happens. Danach direkt in „California Gurls“, flankiert von ihren sieben männlichen Tänzern im überzeichneten Kostüm als Muskelprotze. Als Katy die Bühne ohne großen Pathos singend betritt, johlt die Menge hörbar auf. Perry selbst wirkt dabei erstaunlich entspannt. Weißes, langes Nachthemd, dazu hohe weiße Strumpfhosen, eine glitzernde Krawatte in US-Farben. Ihre langen schwarzen Haare wehen im leichten Abendwind. Sie singt live, sucht immer wieder den direkten Kontakt ins Publikum. Ein schlichtes „Hallo Stuttgart!“ reicht, um den Menge weiteranzuheizen. Darüber könnte sich selbst eine Nina Chuba nicht beschweren.

Zwischen den Songs streut sie Kommentare ein, die bewusst locker bis herrlich sarkastisch bleiben. In Richtung VIP-Loge unter dem Dach etwa: „Beat the system, free tickets huh?!“ – ein Spruch, der genau die richtige Portion Selbstironie trifft. Das Publikum unterhalb reagiert mit hörbarem Vergnügen. In der ersten Hälfte zieht sich ein loses Weltraum-Motiv durch die Show. Perry inszeniert urplötzlich eine Art Mondlandung, allerdings nicht als bombastische Effektorgi, sondern leicht schräges Theaterstück – ganz ohne Nebel und futuristische Laser. Gemeinsam mit ihren „Astronauten“ hisst sie eine Deutschlandflagge – gerade diese Art von Humor grenzt Perry wohltuend von anderen, teils anstrengend bierernsten Darbietungen, ihrer Kolleg:innen ab. Abgesehen davon: Mit über 115 Milliarden Streams, 70 Millionen verkauften Alben und 143 Millionen Tracks weltweit gehört die gebürtige Kalifornierin ohnehin klar zum Pop-Olymp.

Katy Perry
© Opus Festival-, Veranstaltungs- und Management GmbH / Reiner Pfisterer

Überhaupt arbeitet die Show stark mit dieser Haltung. Vieles ist klar überzeichnet. Anders als bei früheren Tourneen wirkt Perry hierbei weniger getrieben. Sie verbiegt sich nicht mehr, versucht nicht, jeden Song maximal zu perfektionieren. Selten findet sich typisch-amerikanisch einstudierte Choreografien, vielmehr rechnet Perry mithilfe von „Chained to the Rhythm“ mit optisch „perfekten“ Körperbildern ab.

Das Bühnenbild unterstützt diesen Ansatz. Statt klassischem Popbombast dominiert ein eher technischer Look: ein übergroßer Laptop, auf dessen Bildschirm ein fiktives Betriebsprogramm namens „Aura OS“ jeden ihrer Songs begleitet – in der Mitte findet sich ein riesiges Smartphone. Darauf tauchen Nachrichten und „Anrufe“ ehemaliger Verehrer wie DJ Diplo oder Josh Groban auf, die Perry offensiv mit rollenden Augen kommentiert. Simpel, aber effektiv. Dazwischen witzelt der Megastar oft herum, verdingt sich mit Publikumsspielereien sogar als Animateurin. So sollen einzelne Zuschauer:innen etwa „Nüchternheit“ vorspielen oder wie sie reagieren, sobald sie den oder die Ex-Partnerin sehen. Amüsant.

Musikalisch bleibt das Set erwartbar hitlastig. „Teenage Dream“, „Dark Horse“, „Part of Me“ – die Songs sitzen, auch weil sie live weniger glatt klingen als im Streaming. Zumal eine Katy Perry sich nicht auf Playback verlässt, nein, hier intoniert die Künstlerin noch selbst! Besonders „Part of Me“ bekommt einen längeren Dancebreak, der das Set kurz Richtung Club á la Berghain verwandelt. Auf den Rängen steht man mittlerweile mehrheitlich. Immer wieder streut der US-Star kleine Running Gags ein, etwa ihre demonstrative Zuneigung zu Kanada inklusive angesteckter Flagge und aufgrund ihrer gegenwärtigen Beziehung zu Kanadas Ex-Premier Justin Trudeau, der wohl auch vor Ort war. Im letzten Drittel wird die Show sichtbar körperlicher. Perry entledigt sich ihrem wallenden Shirt und zeigt sich in einem figurbetonten Outfit im Stil einer Matrosin, das sie dank direkt mitgeliefertem Fotobeweis schon vor rund 18 Jahren trug. Ihr Kommentar dazu: „Germans! You love boobs and bier, right?“ – ein kalkulierter Gag, der dank versauter Direktheit sofort zündet.

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Einer der stärksten Momente folgt gegen Schluss. Perry geht ins Publikum, sucht gezielt den Kontakt zu, laut eigener Aussage, ihren zwei ersten deutschen Fans. Mit einer schönen Acoustic-Variante ihres Dschungel-Hits „Roar“ schmelzen an diesem Abend auch die verbliebenden Herzen, ganz ohne schweißtreibende Temperaturen. Daraufhin folgt thematisch passend ihr erster großer Hit „I Kissed a Girl“ – erst trägt Katy eine Regenbogenflagge, plötzlich wirft sie sich in eine überdimensionale Flasche und lässt sich von den Hunderten Händen des Publikums durch die Menge tragen. So wunderbar durchgeknallt kann manchmal der Popzirkus sein.

Das Finale gehört „Firework“. Statt klassischem Feuerwerk schießt Perry jedoch Schaum aus einer riesigen Kanone über die ersten Reihen. Das war der Schlussakt. Gegen halb 11 endet ein Konzert, das weniger auf übertrieben perfektionierte Effekte setzte sondern schlicht auf humorvolle, selbstironische Unterhaltung eines Megastars. Die jazzopen Stuttgart erweisen sich dabei erneut als bewusst eigenwillige Bühne für Pop. Gut so!

Kommende Termine der jazzopen 2026 (Auswahl):

09. Juli 2026 – Jamiroquai
10. Juli 2026 – Lenny Kravitz
11. Juli 2026 – Jamie Cullum & Joss Stone
12. Juli 2026 – Moby

Mehr Informationen und Tickets zu den jazzopen Stuttgart 2026 findet ihr hier.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Instagram. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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