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Filmkritik zu „Promising Young Woman“ – Rache eines Alptraums

Emerald Fennell lässt mit „Promising Young Woman“ einen süffisant, pointierten sowie bitterbösen Film auf ihr Publikum los, der noch lange in vielen Köpfen herumschwirren wird. Verdienter Oscar für das beste Drehbuch dank diesem sich Hauptdarstellerin Carey Mulligan von ihrer bisher stärksten Seite präsentieren darf. Unsere Kritik zum Film der Woche.

Carey Mulligan liefert grandios ab

Seit der Kinoeröffnung im letzten Monat habe ich mir dutzende Filme im Kino angesehen. Manche waren zeitverschwenderische Touturen wie die größtmögliche Publikumsverarschung „Fast 9“, andere hingegen begannen stark waren aber erzählerisch zu instabil wie „Old“ von M. Night Shyamalan und dann blieb mir „Promising Young Woman“ in schonungsloser Erinnerung, welcher überraschend unspektakulär daherkam. Die Britin Emerald Fennell debübiert, nachdem Sie zuvor längere Zeit Produzentin sowie Drehbuchautorin der Thrillerserie „Killing Eve“ war, mit dem ersten feministischen Spielfilm nach dem Anfang von „MeToo“. Aber diese Grundprämisse macht den Film noch längst besonders. Es ist vielmehr das herausragende Spiel des gesamten Casts, allen voran eine mehr als authentische Carey Mulligan. Zwar hatte Sie in der Vergangenheit bereits wunderbare Momente wie in „Drive“ als Geliebte von Ryan Gosling sowie im Baz Luhrmann-Vehikel „The Great Gatsby“ – aber hier zeigt Sie eine monströse Leistung.
Dabei ist die Storyline nicht wirklich schwer verständlich: Cassandra, von allen nur „Cassie“ genannt, wirkt im Leben ambitionslos. Mit 30 lebt Sie noch bei ihren Eltern, arbeitet im Coffeeshop, hat kaum soziale Kontakte. Dies ändert sich jedoch Abends. In Bars spielt Sie getrunken, um von „hilfsbereiten“ Männern mitgenommen zu werden. Bevor es zum Äußersten kommt, konfrontiert Cassie die Männer mit ihrem Vorhaben. Warum tut Sie das? Plötzlich tritt Ryan, ein ehemaliger Studienfreund, in ihr Leben und lässt Sie an ihren Taten zweifeln. Schon der Beginn wechselt grandios die gewohnte Perspektive – zum wummernden Remix von Charli XCX „Boys“ gleitet die Kamera an tanzenden Männerhintern im AfterWork-Club entlang, kurz darauf disktutieren Bürohengste u.a. Adam Brody warum es keine Geschäftstermine in Goldclubs gibt, da Frauen dort nicht unerwünscht sein und sie sich deswegen nicht so anstellen sollen. Gespräche, die es leider pro Tag zu Tausenden gibt. Mulligan selbst bewegt sich in ihrer Rolle ab Minute 1 auf Oscar-Niveau. Mal verspielt, dann wieder bestimmt versucht Sie Alltag oder Gespräche meist gelangweilt spitzfindig zu umgehen.

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In ihrer Aura liegt diese unermessliche Wut gepaart mit sarkastischer Sprache. Manchmal verhält sich zuckersüß, um durch bestimmte Reaktionen ihres Gegenübers in eine emotionslose gar verbitterte Tonalität zu wechseln. Insofern fühlt sich „Promising Young Woman“ als reiner Film betrachtet leicht schizophren an. Da gibt es klassische RomCom-Elemente – wie die Sequenz als Cassie und Ryan im Drugstore den Paris Hilton-Gassenhauer „Stars are blind“ kollektiv mitsingen, dabei Lebensmittel zur Gestik nutzen. Andererseits gehören insbesondere die letzten 20 Minuten zu den schmerzhaftesten sowie ungenehmsten Augenblicken, die es seit vielen Jahren im Kino zu sehen gab. Jedoch bleibt Fennell bis zum Schluss konsequent, lässt sich nicht weichklopfen oder hält sich an gesetzte Konventionen. Deswegen bleibt dieses Erlebnis im Kopf. Deswegen hinterfragen alle wie Vergewaltigungen oder ungewollte sexuelle Handlungen, was kurioserweise im Film niemals direkt erwähnt wird, mit Leben oder dem Umfeld anstellen bzw. die Gesellschaft hinsichtlich eines Aufbruch dessen wie durch „MeToo“ aufbrechen. Löblich zu erwähnen ist noch Jennifer Coolidge als Mutter von Cassie. Sie spielt schlichtweg on point und liefert die wohl authentischste (Neben)Rolle ihres Lebens ab. Mit chirurgischer Präzision webt Komponist Anthony B. Willis den wohl vielseitigsten Soundtrack vermischt aus klassischen orchestralen Stücken, neueren Chartsongs sowie einem Streicher-Cover von Britney Spears „Toxic“, der schon im Trailer einige Ohren spitzen ließ.
Promising Young Woman. USA 2020. Regie: Emerald Fennell. Mit Carey Mulligan, Alison Brie, Bo Burnham. 114 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren.
Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Nein.
Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „PROMISING YOUNG WOMAN“ gibt es hier.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Facebook. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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