KinoKritiken

Filmkritik zu „Verity – Dunkle Geheimnisse“ – Welche Wahrheit ist hier manipuliert?

Bundesweiter Kinostart: 30. September 2026

So stimmen unsere Leser ab:

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ setzt genau da an, wo das Mainstream-Kino in den letzten Jahren spürbar Lücken ließ: bei kompromisslosen Psychothrillern, die nicht nur auf Hochglanz poliert sind, sondern bewusst ein gewisses Unbehagen schaffen. Wer hier einen weichgespülten cozy Thriller erwartet, irrt. Bereits in der ersten Viertelstunde trifft der Film eine Entscheidung, die hängen bleibt: Eine blutig inszenierte Unfallszene, beobachtet von Dakota Johnsons Figur, einer erfolglosen Autorin, die eher zufällig in eine Geschichte hineingezogen wird. Für eine FSK-12-Freigabe ist das erstaunlich derb – ob der Rest ähnlich überraschend ist, verrät euch unsere spoilerfreie Kritik zur neuen Colleen Hoover-Verfilmung.

Besagte Einstiegsszene ist nicht nur in ungewohnter Art hart inszeniert. Sie funktioniert wie ein pointierter Türöffner in eine Welt, die instabil ist. Kurz darauf begegnet nämlich Johnsons Figur „Lowen Ashleigh“ dem von Josh Hartnett gespielten Ehemann – Jeremy Crawford, der zunächst sympathisch wirkt, aber man als Zuschauer sich jeder Figur nicht allzu sicher sein kann. Erst nach und nach wird klar, dass hinter dieser Fassade eine Geschichte steckt, die weit über das hinausgeht, was man zu Beginn erwartet. Seine Frau, Verity Crawford (Anne Hathaway), eine gefeierte Bestsellerautorin, liegt nach einem mysteriösen Vorfall im Wachkoma. Ihre erfolgreiche Buchreihe muss dennoch fortgeführt werden. Also wird Johnsons Figur als Ghostwriterin engagiert – mit der Bedingung, ins Haus der Familie zu ziehen.

Haus der Bedrohungen

Das Setting im ländlichen Umland von New York spielt dem Film gut in die Karten. Viel Natur, viel Ruhe, viel Raum für kaum greifbare Bedrohung. So entwickelt sich die Spannung aus vorhandener Atmosphäre. Und dann dieser eine Fund: Hinweise auf ein dunkles Geheimnis, das mit der Vergangenheit der Familie zusammenhängt, insbesondere mit dem Tod eines der Kinder. Lowen findet nämlich Memoiren in Form eines Essays auf Verity Computer, das Furchtbares offenbart. Von hier an kippt der Film endgültig in einen Strudel aus Misstrauen, Manipulation und moralischer Unsicherheit.

Interessant ist dabei die Herkunft der Vorlage, sie stammt von Colleen Hoover, deren frühere Verfilmungen eher für emotionale, teilweise sehr kitschige Stoffe wie „All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You“ bekannt sind. Genau dieser Tonfall schleicht sich auch hier gelegentlich ein. Es gibt Momente, in denen „Verity“ kurz Gefahr läuft, in eine zu konventionelle, fast schon melodramatische Richtung bekannter Liebesschnulzen abzudriften. Gerade wenn die Beziehungsebene zwischen den Figuren stärker in den Fokus rückt, fühlt sich das weniger düster an als der Rest des Films. Diese Passagen bremsen das Tempo und nehmen etwas von der Konsequenz, die der Thriller sonst ausstrahlen will.

Trotzdem bleibt der Film über weite Strecken bemerkenswert fokussiert. Regisseur Michael Showalter („The Big Sick“) hält die Spannung konstant hoch, ohne sich auf einfache cineastische Taschenspielertricks zu verlassen. Vieles entsteht aus der Perspektive der Hauptfigur. Wir sehen durch sie die Situation. Man erlebt die Geschichte mit ihr, teilt ihre Unsicherheit und Zweifel. Was ist real, was ist gewollte Inszenierung? Wem kann man glauben? Der Film gibt darauf keine schnellen Antworten. Stattdessen legt er bewusst falsche Fährten, verschiebt Wahrheiten, spielt mit Erwartungen. Allerdings hätte dem Ganzen eine straffere Erzählweise gutgetan. Rund zehn Minuten weniger Laufzeit hätten den Film deutlich besser getan. Einige Szenen wiederholen nur gesehene Informationen. Das fällt vor allem im Mittelteil auf, wenn sich der Film ein wenig in seiner eigenen Atmosphäre verliert.

Was ist hier eigentlich los?

Schauspielerisch bewegt sich „Verity“ dagegen auf einem konstant hohen Niveau. Dakota Johnson trägt den Film mit einer präsenten Performance. Ihre Figur ist keine klassische Heldin, sondern eher eine Beobachterin, die Schritt für Schritt in etwas hineingezogen wird, das sie wie uns überfordert. Genau dieses Zögern, dieses Nicht-Wissen, spielt Johnson überzeugend. Man glaubt ihr die innere Zerrissenheit.

Anne Hathaway nutzt ihre Rolle als Verity deutlich extrovertierter – auch wenn sie einen Großteil der Zeit körperlich kaum präsent ist. Ihre Figur lebt von dem Gefühl, dass hinter der Oberfläche mehr steckt, als man sieht. Dies funktioniert weniger über Dialoge als über das, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Das macht sie zu einer schwer greifbaren Antagonistin, die nie eindeutig greifbar ist. Josh Hartnett wiederum bringt Kontrolle in den Film, die gleichzeitig beruhigend und beunruhigend wirkt. Man weiß nie genau, ob man ihm trauen kann. Diese Unsicherheit trägt entscheidend zur Gesamtwirkung bei.

Am Ende ist „Verity – Dunkle Geheimnisse“ kein perfekter Film. Er hat Längen, er schwankt tonal, und nicht jede inhaltliche Entscheidung sitzt. Aber er macht etwas, das im aktuellen Kino selten geworden ist: Er fordert sein Publikum heraus, ohne sich dabei in reiner Provokation zu verlieren. Für das originäre Thriller-Kino ist das ein gutes Zeichen.

Verity – Dunkle Geheimnisse. USA 2026. Verleih: Amazon MGM. Regie: Michael Showalter. Mit Dakota Johnson, Anne Hathway, Josh Hartnett. Genre: Thriller. 114 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren.

Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Nein.

Disclaimer: Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „Verity – Dunkle Geheimnisse“ gibt es hier.

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Benny Illgner

Benny Illgner

Redakteur
Tech-Journalist
Seit 20161.835 Artikel310 Tests

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Instagram. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter/Threads unter @IamIllgner an.

Schreibt und lebt nebenher das glorreiche Leben eines Technik-Bloggers. Interessiert sich für technische Spielereien jeglicher Art und spielerische Technik der allgegenwärtigen Videospiel-Konsolen. Primär für Gaming-, Smart Home-Krams und Reviews zuständig. Schlechte Wortspiele in Reviews eingeschlossen.

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