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Was lässt sich über „Digger“ sagen, den neuen Film von Alejandro González Iñárritu mit Tom Cruise in der Titelrolle? Während die ersten Reaktionen den Film bereits als vermeintlichen Flop des Jahres abstempeln, sehe ich darin eine der cleversten und doppelbödigsten Satiren, die das Kinojahr zu bieten hat. Vielleicht liegt das auch daran, dass große Studios nur noch selten Filme dieser Art auf die Leinwand bringen. „Digger“ ist unbequem, kompromisslos und traut sich etwas, das im heutigen Hollywoodgeschäft fast schon ungewöhnlich geworden ist: Er nimmt sein Publikum nicht an die Hand. Unsere Filmkritik zum eigenwillgen neuen Werk von „The Revenant“-Regisseur Alejandro González Iñárritu.
Dass Warner Bros. für eine derart eigenwillige Idee rund 150 Millionen Dollar springen ließ, ist schlicht bemerkenswert. Denn „Digger“ folgt keiner einfachen Formel, mit der sich möglichst viele Tickets verkaufen lassen. Der Film verlangt Geduld und eine gewisse Offenheit. Vor allem sollte man möglichst wenig über seine Handlung wissen. Nach ungefähr 20 Minuten schlägt nämlich die Geschichte eine Richtung ein, die ich so nicht erwartet hätte. Von diesem Moment an entwickelt sich eine gekonnte Satire, die ihre Ausgangsidee konsequent verfolgt und dabei immer wieder eine unerwartete Meta-Ebene eröffnet. Auf einige Details möchte ich deshalb bewusst nicht eingehen. Wer den Film unvoreingenommen erleben will, sollte sich diese Überraschungen nicht vorwegnehmen lassen.
Bis dahin zeigt Tom Cruise, was für eine Spielfreude in ihm steckt. Als titelgebender Digger Rockwell spielt er einen Mann, der seine finanzielle wie politische Macht bis zum Äußersten auskostet. Cruise übertreibt dabei durchaus, verfällt aber nicht in jenes aufgesetzte Grimassieren, das bei einer solchen Figur schnell zum Problem werden könnte. Stattdessen macht es sichtbar Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er sich durch eine Welt bewegt, in der Geld offenbar jede Grenze verschieben kann. So versucht er seine rund 30 jährige Katze mit bester medizinischer Versorgung am Leben zu halten oder präsentiert anhand von ausgestopften Tieren an den meterlangen Wänden seiner riesigen Behausung wie nonchalant egal ihm Umwelt und Fauna sind.

Rockwell (Cruise) ist ein Ölunternehmer, der in Grönland so lange bohren lässt, bis eine gewaltige Methangasexplosion einen riesigen Gletscher abspaltet. Der Eisbrocken setzt sich in Bewegung und droht, über den Ozean auf Nordeuropa zuzuwandern. Hunderttausende Menschen könnten sterben, Millionen müssten ihre Heimat verlassen. Eine Katastrophe dieser Größenordnung sollte eigentlich ausreichen, um sämtliche Verantwortlichen zur Vernunft zu bringen. Doch genau hier setzt Iñárritu an. Denn die eigentliche Gefahr besteht nicht allein in den Folgen der Katastrophe, sondern auch in den Menschen, die sie verursacht haben und nun mit ihren Konsequenzen umgehen müssen. Oder sie verschleien zu wollen.
Sinnhaft für unseren Kapitalismus
Digger Rockwell steht dabei sinnbildlich für jene Wirtschaftsbosse, die sich nach außen gern umweltbewusst präsentieren, während ihre Geschäftsmodelle genau das Gegenteil bewirken. Solange sich mit einer Entscheidung Geld verdienen lässt, werden ihre Folgen gerne ausgeblendet. Der Film macht daraus keinen ewig durchgekauten Konflikt zwischen Gut und Böse. Vielmehr zeigt er, wie weit sich wirtschaftliche Macht von gesellschaftlicher Verantwortung entfernt. Dass dafür ein Katastrophenszenario herhalten muss, ist fast schon nebensächlich. Die Geschichte hätte auch in einer anderen Branche spielen können. Entscheidend ist, wer jene Macht besitzt.
Überraschend ist dabei, mit wie wenigen Mitteln „Digger“ seine Wirkung entfaltet. Viele Szenen erinnern eher an ein Theaterstück als an einen klassischen Hollywood-Blockbuster. Die Kulissen bleiben überschaubar – Figuren samt Dialoge stehen im Mittelpunkt – trotzdem hat der Film in seinen einzelnen Sequenzen immer wieder etwas anderes zu erzählen. Was zunächst wie eine absurde Geschichte über einen größenwahnsinnigen Ölunternehmer wirkt, entwickelt sich zu einem Kommentar über unsere Gesellschaft und darüber, wie bereitwillig wir uns selbst etwas im ach so umweltbwussten Alltag vormachen.

Besonders deutlich wird das in einer Szene, in der Cruise vor dem britischen Unterhaus spricht. Auch ein Klimawissenschaftler (Riz Ahmed), der zur Katastrophe Stellung beziehen soll, erhält einen langen Monolog, der sich über mehrere Minuten erstreckt. Solche Momente könnten leicht belehrend wirken. Hier passen sie jedoch zum Charakter des Films, weil sie Fragen aufwerfen, die weit über die konkrete Handlung hinausgehen. Klar unbequeme Fragen, aber „Digger“ versucht gar nicht erst, sie mit einer einfachen Antwort aus der Welt zu schaffen. Nein, der Film hält uns vielmehr einen übergroßen Spiegel vor, ohne sich dabei selbst aus der Verantwortung zu nehmen.
Starker Cast bis in die Nebenrollen
Dass diese Geschichte funktioniert – liegt nicht zuletzt an ihrer starken Besetzung. Neben Cruise überzeugt der Deutsche Hollywood-Export Sandra Hüller als Diggers Schwester. Jesse Plemons ergänzt das Ensemble – John Goodman setzt als US-Präsident zudem einige bemerkenswerte Akzente. Seine Figur wirkt bisweilen erschreckend nah an einer politischen Realität, in der man sich kaum noch sicher sein kann, ob eine Szene gerade überzeichnet ist oder schlicht unangenehm glaubwürdig erscheint.

Denn einfach macht es einem „Digger“ nicht. Der Film ist gewöhnungsbedürftig, fordert Aufmerksamkeit und dürfte einen Teil des Publikums vor den Kopf stoßen. Wer eine klassische Katastrophengeschichte mit großen Bildern, klaren Helden und einer sauberen Auflösung erwartet, könnte enttäuscht werden. Iñárritu interessiert sich für etwas anderes. Er nutzt die Katastrophe als Ausgangspunkt für eine Satire, die ihre Figuren ebenso wenig schont wie die Welt, in der sie leben. „Digger“ ist eigenwillig, zu sperrig und vermutlich auch zu wenig daran interessiert, es allen recht zu machen. Trotzdem dürfte er sein Publikum finden. Vielleicht wird er erst in einigen Jahren die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient – dann als Kultfilm gelten.
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Denn so böse, so direkt und zugleich so ernsthaft hat sich das große Hollywoodkino schon lange nicht mehr an eine Satire dieser Größenordnung gewagt. Letztes Jahr versuchte dies die Sci-Fi Groteske „Mickey 17“ von „Parasite„-Regisseur Bong Joon-ho, scheiterte jedoch aus anderen Gründen. Inhaltlich überladen und oftmals zu künstlerisch angehaucht. „Digger“ versteckt seine Absichten nicht hinter falscher Zurückhaltung. Er will provozieren, uns das Publikum zum Nachdenken bringen und dabei gewiss auch unterhalten. Vor allem aber erzählt er uns eine ganz andere Geschichte, als seine Katastrophenhandlung zunächst vermuten lässt. Darin liegt für mich seine Stärke.
Digger. USA 2026. Verleih: Warner Bros.. Regie: Alejandro González Iñárritu. Mit Tom Cruise, Riz Ahmed, Sandra Hüller. Genre: Satire. 129 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren.
Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Ja.
Disclaimer: Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „Digger“ gibt es hier.
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