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jazzopen 2026: Jamie Cullum & Joss Stone – „Stuttgart, we’re old friends!“

Der Schlossplatz mutiert am Samstagabend zum Blues/Jazz-Schmelztiegel

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Vorletzter Tag auf Europas größtem Jazz & Beyond-Musikfestival: Über dem Schlossplatz liegt einmal mehr ein wolkenloser Himmel, leichter Wind macht die allseits herrschende trockene Hitze erträglich. Viele Besucher:innen stehen mit kühlen Drinks in der Hand, andere suchen Schatten während sich der Innenhof des Neues Schloss Stuttgart langsam füllt. Gleich zwei Könner:innen ihrer Zunft werden heute Abend den Innenhof in ihren persönlichen musikalischen Schmelztiegel verwandeln – die britischen jazzopen-Wiederholungstäter Joss Stone und Jamie Cullum geben ein fantastisches Konzertdoppel ab. Unsere Eindrücke vom Abend.

Den Auftakt macht Joss Stone – und das gleich ohne Kompromisse. Es ist erst halb Sieben am Vorabend als acht Musiker:innen auf der Bühne schreiten, alle formschön in strahlend weiße Outfits gepackt, die Band wirkt fast wie eine moderne Soul-Revue. Für jazzopen-Verhältnisse ist diese Uhrzeit für einen Main Act übrigens noch verdächtig früh, doch an diesem Samstagabend entspricht ohnehin nicht viel der gewohnten Norm. Der Einstieg mit einer lächelnd zur Bühne schreitenden Dame beginnt sogleich: ein Disco-Dreierpack, der ohne Umwege in alle Bewegung bringt. Joss Stone selbst barfuß, in einem lockeren türkisfarbenen Sommerkleid mit glitzernden Elementen, ikonischer Nasenring inklusive.

Ihre Soul-Pop Stimme ist der Earcatcher schlechthin. Warm, druckvoll, mit genau der richtigen Portion Rauheit um merklich im Gedächtnis zu bleiben. Songs wie „Super Duper Love“ zeigen früh, wohin der Abend gehen wird. Klassischer Soul trifft auf herrlich verspielte Big-Band-Anleihen, unterstützt von ihren Gospel-Backgroundsängerinnen, die den Sound zusätzlich aufladen. Der Innenhof ist zu diesem Zeitpunkt schon gut gefüllt – Reaktionen vom Publikum entsprechend deutlich.

Interpretin Stone sucht früh die Nähe. Sie verlässt die Bühne und geht mitten in den Zuschauerraum, singt inmitten ihres Zuschauerschaft weiter, dirigiert die Menge von gleich mehreren Punkten fast spielerisch. Gerade bei „Fell in Love“ wandert sie durch die Reihen, bleibt stehen, singt gar ohne Mikrofon mit einzelnen Zuschauertrauben. Doch keine Sorge: Vierfach-Mama Joss behielt stets den Überblick. Alle weiteren Anwesenden konnten sich danach die damalige Atmosphäre von Woodstock gut vorstellen. Stichwort: Happening.

Joss versorgte mit souliger Leichtigkeit

Musikalisch bleibt das Set abwechslungsreich. „Mr. Wanker“ wird vorab kurz übersetzt – inklusive eines trocken, auf Deutsch lokalisierten, eingeworfenen „Du bist scheiße!“, das hörbar für Erheiterung sorgt. Danach kippen die Songs immer wieder Richtung Rock und Blues, nur um im nächsten Moment wieder in soulige Leichtigkeit zurückzufinden. Ein plötzlich auftauchendes Cover von „Get Down Tonight“ von KC and the Sunshine Band bringt erneut Bewegung rein, der Refrain von „We Are Family“ wird kurzerhand angehängt. Der Innenhof ist spätestens jetzt komplett dabei.

Dabei bleibt Stone durchgehend britisch charmant, fast ein wenig zurückhaltend in ihren Ansagen. Dieses leicht Verschmitzte zieht sich durch das gesamte Set. Auch in ruhigeren Momenten. Die Stimme trägt – selbst wenn die Band sich zurücknimmt. Ein mit goldenem Stoff verhülltes Mikrofon sorgt für die nötige eigene Note – das von ihr intonierte „Son of a Preacher Man“ passt perfekt in diese laue Sommerstimmung. Schlussendlich fliegen Sonnenblumen ins Publikum. Der reinkommende Applaus ist lang, geht glatt über mehrere Minuten. Und vor allem: Verdient. Das Konzept des Doppel-Headliners an diesem jazzopen-Festivalabend geht hier bereits voll auf.

Nach kurzer Pause übernimmt Jamie Cullum. Zum neunten Mal bei den jazzopen Stuttgart dabei, gehört er endgültig zum Festivalinventar – trotzdem wird das insbesondere heute alles andere als vorhersehbar. Punkt 20:30 Uhr legte er los. Cullum kommt samt seinen Bandmitglieder:innen auf die Bühne, setzt sich ohne viele Worte direkt ans Klavier. Sonnenbrille, Jacke mit Glitterleiste, die er nach wenigen Minuten gegen ein schlichtes Shirt darunter tauscht. Im Gegensatz zu Stone hat er übrigens Sneaker an.

Was folgt, ist ein ständiger Wechsel aus Bewegung und konzentrierten Passagen. Cullum sitzt erst, spielt, springt auf, läuft zum Mikrofonständer, wieder zurück ans Piano. Unermüdlich. Schon das Aufstehen wird vom Publikum mit Applaus quittiert. Seit 15 Jahren spielt der gebürtige Engländer auf den jazzopen und diese enorme Spielfreude glaubt man ihn von Sekunde 1. „Stuttgart, we’re old friends!“ ruft er ins Publikum, bedankt sich mehrfach, scherzt über das wechselhafte Wetter zu denen er die vergangenen Jahre spielte – eigentlich fehle nur noch Schneefall, merkt er gewitzt an. Dann wieder Musik. Die erste Hälfte ist überraschend ruhig, jazziger als erwartet. Viel Raum für das Klavier samt Cello, viel Raum für stilvolle Zwischentöne.

Weniger Konzept, mehr jazzige Freiheit

Und dann kippt das Ganze. Cullum trommelt plötzlich im Takt auf seinem Klavier, geht direkt in den Klassiker „Everlasting Love“ über. Der Song wirkt wie improvisiert, fast wie ein Ausbruch. Das Publikum zieht sofort mit. Einer der stärksten Momente des Abends folgt mit einem überraschenden Duett: Joss Stone kehrt unter tosendem Applaus zurück auf die Bühne, gemeinsam spielen sie Cullums weltweit großen Cover-Hit „Don’t Stop The Music“ von Rihanna. Ein unerwarteter Bruch, der erstaunlich gut funktioniert. Quasi die Definition eines Gänsehautmoments.

Cullum bleibt danach nicht lange auf der Bühne, wahrscheinlich von Joss angesteckt springt er runter in den Bühnengraben, schreitet zur ersten Reihe, verteilt am laufenden Band High-Fives, verschwindet kurz inmitten des Publikum, singt dabei weiter. Heute Abend wird Musik hautnah ziemlich erst genommen. Sein eigenes Set bleibt dabei herrlich unberechenbar. „They wanted setlist, I’ll try“, sagt er irgendwann – und man nimmt ihm sofort ab, dass das heute eher kalkuliertes Chaos als Abhaken einer xbeliebigen Liste ist. Songs wie „Taller“ von 2019 bringen plötzlich eine ganz andere Farbe rein, erinnern stellenweise an staubige Südstaaten-Sounds, getragen von Bläsern und rhythmischen Breaks.

Natürlich fehlen auch die bekannteren Nummern nicht. Das locker-fluffige „I’m All Over It“ gefolgt von „When I Get Famous“ – das Publikum geht mit, ohne dass es in reinen Mitsing-Zwang kippt. Dazwischen folgt die mittlerweile traditionelle Tanzeinlage – jeglicher Ärger, Wut oder Kummer soll dank eines extrem schmissigen Klangteppichs webgetanzt werden. Oder wie Jamie Cullum erläutert: Schickt alles Richtung Himmel, welcher mittlerweile dunkel war. Vielleicht am jazzigsten Abend der Schlossplatz-Konzerte folgt eine explosive Eskalation sondersgleichen.

Taller (Deluxe Edt.)
  • Eingeschweißt
  • Audio-CD – Hörbuch

Zum Ende seines über zweistündigen Sets hin wird es noch einmal ruhiger. „Gran Torino“, das Titelstück des gleichnamigen Films von Clint Eastwood, schließt den Abend ab. Emotional stark am Tränenkanal spielend, fast zerbrechlich im krassen Vergleich zu dem, was davor passiert ist. Kurz darauf folgt der Schlussakkord. Ein Abend, der von der einzigartigen Dynamik, Spielfreude und zwei Acts lebt, die musikalisch einige Paralellen teilen jedoch unterschiedlich daherkommen – und genau deshalb so gut zusammen funktionieren. Und eines war ganz am Schluss ziemlich sicher – der charmante Multiinstrumentalist veröffentlicht im Herbst nicht nur ein frisches Album sondern plant bereits den jubilaren 10. Aufschlag.

Kommende Termine der jazzopen 2026 (Auswahl):

12. Juli 2026 – Moby

Mehr Informationen und Tickets zu den jazzopen Stuttgart 2026 findet ihr hier.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Instagram. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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