
Internationale Computerspielesammlung vor dem Aus: Deutschland verliert gerade sein Games-Gedächtnis
Es gibt Meldungen, die klingen erst einmal trocken. Archiv. Förderung. institutioneller Betrieb. gGmbH. Papierkram deluxe. Und dann merkt man: Moment mal, hier geht es nicht um irgendeinen Verwaltungsordner, sondern um das Gedächtnis eines ganzen Mediums.
Die Internationale Computerspielesammlung, kurz ICS, steht vor dem Aus. Ein Projekt, das seit Jahren nichts Geringeres schaffen sollte als eines der wichtigsten Games-Archive weltweit. Mehr als 60.000 Computer- und Videospiele, dazu Datenträger, Verpackungen, Handbücher, Werbematerialien und Hardware. Also genau der Kram, der in ein paar Jahrzehnten darüber entscheidet, ob Games als Kulturgeschichte sauber dokumentiert sind oder ob wir irgendwann nur noch YouTube-Videos von verschwundenen Spielen anschauen und so tun, als wäre das Archivierung.
Ein Archiv für Spiele, nicht nur für Nerd-Regale
Die ICS war nie einfach nur eine große Retro-Kiste mit alten Modulen. Die Idee dahinter war deutlich größer. Bestände unter anderem vom Computerspielemuseum, der USK, dem Zentrum für Computerspielforschung der Universität Potsdam, der Stiftung Digitale Spielekultur und weiteren Partnern sollten zusammengeführt, erschlossen und langfristig zugänglich gemacht werden.
Seit 2012 wurde an dem Projekt gearbeitet. 2019 ging eine Online-Datenbank mit Zehntausenden Einträgen an den Start. Später sollte daraus mehr werden: ein dauerhaftes, öffentlich nutzbares Archiv mit physischen Beständen, Arbeitsplätzen, Forschungszugang und sauberer Dokumentation. Also im Grunde das, was Bücher, Filme und Musik längst brauchen und haben sollten. Nur eben für Games.
1,5 Millionen Euro Förderung und dann Ende Gelände
Für den Aufbau der ICS flossen laut Berliner Senat rund 1,5 Millionen Euro öffentliche Mittel in das Projekt. Damit wurden unter anderem Bestände erfasst, Konzepte erstellt, Datenbanken weiterentwickelt, Strukturen aufgebaut und der spätere Betrieb vorbereitet. Die Projektphase endete allerdings am 30. April 2026.
Das Problem: Für den nächsten Schritt hätte es eine dauerhafte Finanzierung gebraucht. Also keine einmalige Anschubhilfe mehr, sondern institutionelle Förderung. Genau daran scheitert das Ganze nun offenbar. Die Gesellschafter haben deshalb entschieden, die ICS unter den aktuellen Bedingungen nicht weiterzuverfolgen.Das klingt nach einem Satz aus einer Behördenschublade, bedeutet aber in der Praxis: Deutschland hat eines der spannendsten Games-Kulturprojekte aufgebaut, ordentlich Vorarbeit geleistet, Geld hineingesteckt und steht jetzt trotzdem vor der Frage, ob das Ding kurz vor der eigentlichen Reifephase wieder zerbröselt. Sauber. Willkommen im Bonuslevel Bürokratie-Hölle.
Die Spiele verschwinden nicht, aber das Problem bleibt
Wichtig ist: Die Spiele selbst sind damit nicht automatisch weg. Die physischen Bestände bleiben zunächst bei den jeweiligen Eigentümern, also etwa in den Archiven der USK oder beim Computerspielemuseum. Niemand fährt jetzt mit einem Container vor und kippt 60.000 Spiele in den nächsten Elektroschrott. Immerhin.
Aber das beruhigt nur halb. Denn der eigentliche Wert der ICS lag eben nicht nur darin, dass irgendwo alte Spiele lagern. Der Wert lag in der gemeinsamen Struktur. In der Datenbank. In der wissenschaftlichen Erfassung. In der Idee, verteilte Bestände zusammenzuführen und langfristig nutzbar zu machen. Genau dieser gemeinsame Überbau steht nun in der Luft. Was mit der Datenbank, den aufgebauten Strukturen und den bisherigen Vorarbeiten passiert, wird noch geprüft.
Warum das gerade jetzt so bitter ist
Die Meldung kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Branche bewegt sich ohnehin immer stärker weg vom physischen Besitz. Spiele erscheinen digital, Stores schließen irgendwann, Lizenzen ändern sich, Server werden abgeschaltet, Patches verschwinden, ganze Versionen sind plötzlich nicht mehr reproduzierbar.
Bei einem Buch kann man im Zweifel noch ein vergilbtes Exemplar aus dem Regal ziehen. Bei Games ist das deutlich komplizierter. Da hängen Datenträger, Hardware, Firmware, Betriebssysteme, Online-Dienste, Kopierschutz, Updates und manchmal auch absurde Lizenzketten dran. Wer Games bewahren will, muss mehr sichern als nur eine Datei. Genau deshalb ist so ein Archiv kein Luxusprojekt für Leute mit Kellerregal und SNES-Modulduft-Fetisch. Es ist Kulturarbeit. Und wenn ein Land stolz darauf ist, Games als Kulturgut zu behandeln, dann muss es auch Strukturen geben, die dieses Kulturgut erhalten.
Deutschland kann Games feiern, aber Archivieren ist weniger sexy
Das Absurde daran: Deutschland redet gerne über Games. Über Förderung. Über Standort. Über Gamescom. Über Fachkräfte. Über internationale Wettbewerbsfähigkeit. Alles wichtig. Aber Bewahrung ist weniger sexy. Damit gewinnt man keine großen Bühnenmomente, keine Trailerpremiere und keine funky LinkedIn-Fotos mit Controller in der Hand.
Trotzdem ist genau das Fundament wichtig. Ohne Archivierung verliert ein Medium seine Geschichte. Und ohne Geschichte wird aus Kultur irgendwann Content. Kurz verfügbar, schnell durchgekaut, dann weg. Für Spiele wäre das fatal, weil gerade alte Titel zeigen, wie Technik, Design und Gesellschaft zusammengewachsen sind. Die ICS hätte hier ein echtes Ausrufezeichen setzen können. Nicht nur für Deutschland, sondern international. Stattdessen steht jetzt ein Projekt vor dem Aus, das eigentlich ein Vorzeigeprojekt hätte sein müssen.
Das darf nicht das letzte Level gewesen sein
Noch ist nicht alles verloren. Die Bestände sind nicht verschwunden, die Vorarbeiten existieren, die Partner bleiben grundsätzlich wichtige Anlaufstellen. Vielleicht findet sich eine andere Struktur, vielleicht eine neue Finanzierung, vielleicht ein europäischer Ansatz, vielleicht auch eine Mischung aus öffentlicher Hand, Forschung und Stiftungen.
Aber klar ist auch: Wenn nichts passiert, bleibt ein sehr bitterer Eindruck. Dann hat Deutschland bei Games wieder einmal gezeigt, dass man das Medium gerne fördert, solange es nach Wirtschaft, Wachstum und Standort klingt. Wenn es aber um langfristige Bewahrung geht, wird plötzlich ganz genau auf Zuständigkeiten geschaut. Und das ist verdammt schade. Denn Games sind nicht erst dann Kultur, wenn sie Preise gewinnen oder Umsatzrekorde brechen. Sie sind auch dann Kultur, wenn sie auf alten Disketten, Modulen, CDs und Festplatten liegen und darauf warten, dass jemand sie ernst genug nimmt, um sie für die Zukunft zu sichern.
Die ICS war genau so ein Versuch. Wenn dieser Versuch jetzt versandet, verliert Deutschland nicht nur ein Archivprojekt. Es verliert ein Stück Glaubwürdigkeit im Umgang mit Games als Kulturgut.
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