„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller von Joachim Meyerhoff aus dem Jahr 2015. In seinem Buch beschreibt der Schauspieler die Zeit seines Studiums an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und das Leben bei seinen exzentrischen Großeltern. „Männerherzen“-Regisseur Simon Verhoeven hat diesen Stoff nun verfilmt und daraus ein ruhiges, oft komisches, zugleich ernstes Porträt eines jungen Mannes gemacht, der zwischen Aufbruch und eigenem Orientierungslosigkeit steht. Zudem überflügelt Hauptdarsteller Bruno Alexander das Geschehen. Unsere Kritik zum Kinofilm.
Im Zentrum des Films steht Joachim, Anfang zwanzig, frisch aufgenommen an einer der angesehensten Schauspielschulen Deutschlands. Die Ausbildung verlangt ihm mehr ab, als er im Vorfeld erwartete2. Übungen zur Körperbeherrschung, emotionale Grenzerfahrungen und ständige Bewertung prägen seinen Alltag. Gerade seine regelmäßigen Wutausbrüche, die einerseits dem frühen Verlust des Bruders und allgemeine Selbstfindung geschuldet sind, machen es ihm nicht nicht leicht sich einzugliedern. Joachim ist selten sicher, ob er hier richtig ist. Vieles wirkt für ihn fremd, manche Übung, gerade Karoline Herfurth als Lehrerin beweist viel Eigenironie, auch lächerlich, und doch spürt er, dass er sich dieser Herausforderung stellen muss.
Gleichzeitig zieht Joachim in die großzügige Villa seiner Großeltern Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn). Dort herrscht eine ganz andere Ordnung. Der Tagesablauf folgt festen Gewohnheiten, die zwischen Herzlichkeit und Kontrollverlust schwanken. Morgens wird synchron gegurgelt. Mittags deftig gegessen. Abends bei Rotwein samt Cognac liegend auf dem Teppich der Klassik gefrönt. Alkohol gehört selbstverständlich dazu, ebenso ausgedehnte Gespräche und theatralische Auftritte der Großmutter. Inge, eine frühere Schauspielerin, lebt noch immer mit einem starken Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Hermann, Philosoph im Ruhestand, begegnet dem Leben mit einer Mischung aus Ironie und Sturheit. Für Joachim wird dieses Haus zu einem zweiten Lernort – bloß ohne Lehrplan.
Die Beziehung zwischen Enkel und Großeltern ist von Herzlichkeit geprägt. Joachim fühlt sich aufgenommen jedoch gleichzeitig überfordert. Die Großeltern bieten ihm Schutz, aber auch eine Form von Chaos, der er nicht beikommt. Gespräche bleiben oft unvollständig. Man spricht über Alltägliches wie den vergangenen Unterrichtsstunden, während größere zwischenmenschliche Themen unausgesprochen bleiben: Angst vor dem Scheitern, die Frage nach Verantwortung und der Wunsch nach Anerkennung – auch außerhalb der Familie. Der allgemeine Tonfall bewegt sich zwischen leiser Komik und ernster Beobachtung. Viele Szenen entstehen aus alltäglichen Situationen, die durch die Eigenheiten der Figuren eine besondere Färbung bekommen. Wenn Joachim nach einem anstrengenden Tag in der Schauspielschule in die Trinkrituale der Großeltern gerät, entsteht Humor aus Überforderung, nicht aus Pointen. Gleichzeitig bleibt spürbar, dass hinter diesen Momenten eine Müdigkeit liegt. Die Großeltern kämpfen mit dem Älterwerden, Joachim mit dem Beginn eines Lebens – das verbindet beide Seiten.
Darstellerisch lebt der Film von diesem Spannungsverhältnis. „Die Discounter„-Darsteller Bruno Alexander spielt Joachim zurückhaltend und verletzlich. Er wirkt selten souverän, oft beobachtend, manchmal verloren. Das macht die Figur greifbar. Senta Berger und Michael Wittenborn geben Inge und Hermann eine Mischung aus Charme und Brüchigkeit. Schauspielerisch für beide perfekt ausgewählt. Ihre Figuren sind nicht bloß exzentrisch, sondern tragen Spuren von Vergangenheit und Enttäuschung in sich. Dadurch entsteht kein Karikaturenpaar, sondern ein glaubwürdiges Bild zweier Menschen, die sich an ihre Rituale klammern.
Die Inszenierung bleibt bewusst unaufdringlich. Fast schon dokumentarisch versucht die Kamera ihre Nähe zu den Figuren zu suchen, ohne sie auszustellen. München erscheint nicht als Kulisse, sondern als kulissenhafter Raum für diese Geschichte. Die Villa der Großeltern wird zum zentralen Schauplatz, an dem sich Generationen, Erwartungen und Lebensentwürfe begegnen. Dramaturgisch folgt der Film keiner klassischen Entwicklung mit klaren Höhepunkten. Er erzählt in einzelnen Abschnitten, die Joachims innere Bewegung widerspiegeln. Weitweg von den Flachwitz-Parade von Schweiger und Schweighöfer erfindet Verhoeven die Deutsche Komödie mit viel Melancholie und Mut zur inhaltlichen gar neu. Man merkt „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ seinen autobiografischen Background an, weil Dialoge oder Momente nicht auf Pointen hinführen sondern menschlich mal stehengelassen werden.
Man dabei deutlich spürbarer, ohne den Film in eine reine Nacherzählung zu verwandeln. Verhoeven interessiert sich weniger für literarische Details als für die allgemeine Grundstimmung: Das Gefühl, gleichzeitig Teil einer Familie zu sein und sich von ihr lösen zu müssen. Künstlerische Identität erscheint nicht als Ziel, sondern als Prozess voller Zweifel. Joachim lernt, dass Schauspiel nicht nur Technik ist, sondern auch Konfrontation mit sich selbst.
Am Ende bleibt mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ein Beweis für den Deutschen Film, der keine großen Antworten sondern einen Übergangszustand beschreibt: Zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen familiärer Geborgenheit und beruflicher Selbstsuche. Er erzählt von Beziehungen, die tragen und belasten zugleich, und von der Schwierigkeit, den eigenen Platz zu finden. Ohne Pathos und ohne laute Dramaturgie entsteht so ein stilles Porträt eines jungen Menschen, der lernt, mit Unsicherheit zu leben – und mit einer Familie, die ihn auf sehr eigene Weise begleitet.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Deutschland 2026. Verleih: Warner Bros. Regie: Simon Verhoeven. Mit Bruno Alexander, Friedrich von Thun, Senta Berger. Genre: Drama / Komödie. 136 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren.
Gibt es eine Post-Credit-Szene? = Nein.
Disclaimer: Vielen Dank an CinemaxX für die freundliche Bereitstellung des Tickets. Kinotickets für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es hier.
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